Archiv der Kategorie: Sprache

128 Jahre Unua Libro

Aleksander Korjenkov erinnerte 2008 in „La Balta Ondo“ daran, daß das Unua Libro von Ludwig Zamenhof heute vor 128 Jahren veröffentlicht worden war, am 26. Juli 1887. Zamenhof entwarf darin zum ersten Mal die internationale Sprache Esperanto aus einem elementaren Wortschatz und einer Grammatik mit nur 16 Regeln. Die 42-seitige Broschüre erschien zunächst auf Russisch, später auch auf Polnisch, Deutsch und Französisch. Ein Faksimile der deutschen Ausgabe findet sich bei der Österreichischen Nationalbibliothek. Derzeit findet der 100. Esperanto-Weltkongreß in Lille statt. Medien werden auf Wikimedia Commons gesammelt.

Die Schrift wird zum Leben

Das Blog ist kein bloßes Tagebuch, denke ich beim Blättern in Sloterdijks „Zeilen und Tage“. Mit dem Tagebuch teilt es die Kurzlebigkeit: Wer greift schon auf ein Blog über den Kalender zu und sucht Beiträge aus einem bestimmten Monat vor x Jahren heraus? Man kann das machen, aber wer macht es? Und doch: Sloterdijk war auf seine Weise ein Blogger, wie auch Max Frisch in seinen Tagebüchern gebloggt hatte. Irgendwie, ja. Und früher schon Tucholsky, natürlich. Und Kafka? Kafka auch? – Beckett? Eher weniger. Aber Arno Schmidt – ganz sicher. Und Heine. Aber das Schreiben im Netz? Man schreibt am Ende nur für sich. Wer es liest, wenn überhaupt, kann dahingestellt bleiben. Ist nicht notwendig. Man schreibt Notizbücher voll und Blogs und Wikis, und dieser Strom aus Notaten und Gesängen und Empörung und Leiden und Hoffnung füllt am Ende die Welt. Die des Autors und die des Lesers, erst ein bißchen und dann immer mehr. Sie wird zur Wirklichkeit, und die Wirklichkeit wird zum Leben. Die Schrift wird zum Leben. Und das Leben wird wirklich durch das Schreiben. Auch durch das Bloggen.

Zuerst in: albatros | texte am 26. März 2014.

Texte sind Dokumente

Es gibt sie noch: Die Diskussionen um rassistische und sexistische Sprache. Nachdem ich einst im Schuljahr 1986/1987 einen feministischen Deutschkurs gewählt hatte, hätte ich es nicht für möglich gehalten, aber solche Diskurse finden tatsächlich auch 25 Jahre danach weiterhin statt. So streiten zwei unentwegte Feministinnen und ein Soziologe in der deutschsprachigen Wikipedia für die Einführung des Binnen-I, das sich bekanntlich über die taz hinaus bis heute kaum im Mainstream durchgesetzt hat, und hätten gerne auch, daß die Studentenbewegung (nicht nur die von 1968 ff., sondern alle Studentenbewegungen) in dem Nachschlagewerk in eine Studierendenbewegung umbenannt werde, ungeachtet der Tatsache, daß es sich dabei um den allgemeinen Sprachgebrauch und um einen feststehenden historischen Begriff handelt. Außerdem werden derzeit zunehmend Kinderbücher „bereinigt“, berichtet beispielsweise die besagte taz am 12. Januar 2013: Seit 2009 wurde in „Pipi in Taka-Tuka-Land“ aus dem Wort „Negerkönig“ ein „Südseekönig“, im „Tom Sawyer“ wurde der „Nigger“ stillschweigend durch den „Sklaven“ ersetzt, der Kinderkanal KiKa zeigt den „Jim Knopf“ aus der „Augsburger Puppenkiste“ nicht mehr, und zuletzt hat der Thienemann Verlag die Wörter „wichsen“ und „Negerlein“ aus der „Kleinen Hexe“ im Namen der Political Correctness gestrichen.

Über die Empörung im konservativen Feuilleton wurde schon kritisch geschrieben. Aber auch ich halte solche Aktionen für falsch, denn bei den Büchern handelt es sich um Dokumente, die als solches unbedingt erhaltenswert sind. Es sind Klassiker der Kinder- und Jugendbuchliteratur, und sie sind, wie alle Werke, Kinder ihrer Zeit. Das impliziert, daß sie in einer bestimmten Sprache verfaßt wurden, die in den jeweiligen gesellschaftlichen Zusammenhang einzuordnen ist, aus dem sie hervorgegangen sind. Historische Texte sollten kommentiert werden. Wenn ihre Sprache nicht mehr allgemein verstanden wird, muß sie erläutert werden, dann braucht es Fußnoten und Anhänge, wie es bei Klassikerausgaben üblich geworden ist. Vielleicht tritt dieser Fall heute auch schneller ein, als zu früheren Zeiten. Das ändert aber am ganzen nichts. Schiller in neuer deutscher Rechtschreibung zu setzen, ist ein ebensolcher Unfug wie die „Bereinigung“ alter Texte zur Beruhigung der elterlichen Sorge angesichts der Frage, ob man seinem Kinde einen Text denn überhaupt noch zukommen lassen sollte. Wer meint, Pipi Langstrumpf sei rassistisch, der möge sich nach einem anderen Werk umschauen. Wenn das tatsächlich so sein sollte, wäre es um das Buch nicht schade, der Verzeicht auf Astrid Lindgren wäre kein Verlust. Schließlich würde ich einem Kind auch nicht den wirklich brutalen „Struwwelpeter“ an die Hand geben, in dem den Kindern Daumen abgeschnitten werden und in dem sie an Drachen unwiederbringlich davonfliegen. Es gibt Texte, über die die Zeit hinweggegangen ist. Wenn sie für uns so unerträglich geworden sind, daß wir sie heute für rassistisch oder für sexistisch halten müssen, sollten wir sie gar nicht mehr verwenden, dann brauchen wir neue Bücher. Bei Übersetzungen wäre freilich zu entscheiden, ob die alten Übertragungen heute anders ausfallen müßten; das kann der Fall sein, sollte aber auch nicht mit Blick auf politische oder ideologische Opportunität entschieden werden. Auch Ansätze zu einer differenzierenden Lösung gehen wohl fehl, denn, um das Beispiel der rassistischen Sprache von Harriet Beecher-Stowe aufzugreifen, ein rassistischer Text ist ein rassistischer Text, egal in welchem Zusammenhang er entstanden war. Auch wenn ich beispielsweise der Anthroposophie zugeneigt bin, muß ich anerkennen, daß Rudolf Steiner nicht nur zu einem großen Teil unsinnige, sondern auch rassistische Texte verfaßt hatte. Wer das entschuldigen möchte, mag sich etwas anderes zurechtlegen, an den Tatsachen ändert es aber nichts.

Denn eines ist klar: Wenn ein Kinderbuchverlag dies macht, und das Ergebnis einer solchen sprachlichen Zensuraktion weiterhin als das Original ausgibt und nicht als eine „sprachlich bereinigte Ausgabe nach Motiven von…“, dann geht es ihm nicht in erster Linie darum, gegen rassistischen oder gegen sexistischen Sprachgebrauch vorzugehen, sondern es geht ihm ganz schlicht ums Geld. Man fürchtet um die Einnahmen und um das Image, wenn sogar die – sehr konservative – Bundesfamilienministerin in der Vorweihnachts-„Zeit“ über ihre Leseerfahrungen berichtet und ein Raunen durch den gedruckten Blätterwald geht. Man möchte weiterhin mit den alten, bekannten Cashcows im Geschäft bleiben. Man möchte nichts Neues an deren Stelle treten lassen, also muß sich das Alte ändern, damit alles so bleiben kann, wie es ist. Und davon wäre zu reden, wenn man sich dem Thema einmal von links nähern wollte.

Eine Welt, in der anonymes Lesen kaum noch möglich ist

Evgeny Morozov schreibt in der FAZ über Roboterjournalismus. Ein Computerprogramm erstellt für Forbes die langweiligen Berichte über die Geschäftszahlen von Unternehmen. Die Firma, die das entwickelt, heißt „Narrative Science“ und hat derzeit dreißig Kunden, die solche Fließbandtexte abnehmen und an ihre Leser weiter verbreiten. Billige Massenware für ein Massenpublikum im Bereich Wirtschaft und Sport.

Aber Morozov spinnt den Faden noch etwas weiter. Er verbindet diese Entwicklung mit der googleschen „Filter-Bubble“ und stellt sich vor, wie die Profile, die überall über die Internetnutzer angelegt werden, den Nachrichten zugrundegelegt werden, die sie erhalten. Wer die New York Review of Books liest, für den erstellt der Computer eine andere Nachricht als für denjenigen, der die leichtgewichtige USA Today konsumiert. Und er schließt:

„Die eigentliche Gefahr liegt darin, dass wir nicht nach den sozialen und politischen Konsequenzen fragen, die in einer Welt zu gewärtigen sind, in der anonymes Lesen kaum noch möglich ist. Die Werbebranche will, gemeinsam mit Google, Facebook und Amazon, diese Welt möglichst rasch nach ihrem Geschmack einrichten; aber eigenständiges, kritisches und unkonventionelles Denken wird es in dieser Welt immer schwerer haben.“

So tickt das Amt: Handbuch Neukundenprozess SGB II

Nachdem Harald Thomé bereits im vergangenen Oktober das Handbuch veröffentlicht hatte, in dem den Mitarbeitern der Arbeitsagenturen erklärt wird, wie sie im sozialgerichtlichen Verfahren gegen den Bürger vorzugehen haben, dokumentiert er seit gestern das Handbuch Neukundenprozess SGB II. Darin wird erläutert, wie mit Bürgern zu verfahren sei, die einen Erstantrag auf die Gewährung von Arbeitslosengeld II oder Sozialgeld stellen – ja nach Landstrich und Statistik sind das einschließlich derjenigen, die ergänzende Leistungen erhalten, derzeit zwischen 20 und 25 Prozent der Bevölkerung, an manchen Orten in Ostdeutschland sind es noch mehr.

Auch in diesem 55-seitigen Text erschreckt wiederum die eiskalte technokratische Sprache. Ein Auszug aus Seite 11:

„Die frühzeitige Aktivierung in der Phase des Zugangs ist als Teilaspekt des Neukundenprozesses zu verstehen. Er verläuft unter Anwendung des 4PM und binnen der Fristen der operativen Mindeststandards. Die Festlegung der Form der Aktivierung wird durch die Einbindung in das 4PM-konforme Erstgespräch vereinfacht und systematisiert.“

Harald Thomé meint hierzu in seinem gestrigen Newsletter, das alles sei darauf gerichtet, daß die Betroffenen damit

„… auf perfektionierte Art angegangen und entrechtet werden sollen. In BA-Deutsch heißt das dann ‚qualifizierte Antragsausgabe‘, die nur das Ziel hat, mit ‚deutscher Gründlichkeit‘ eine Hartz-IV-Vermeidungsquote zu erreichen. Also möglichst viele im Vorfeld von der Antragstellung abschrecken. Ich denke, wer dieses Drehbuch liest, wird das ein oder andere was er/sie selber erlebt hat oder was in der Beratung/Kanzlei berichtet wurde, besser verstehen.“

Deshalb möchte ich diese Empfehlung hiermit weitergeben, denn solche Zeugnisse bedürfen der Verbreitung. Nächstes Jahr sind Bundestagswahlen.