Archiv der Kategorie: Uebergaenge

E-Book schlägt Book-Book

Im Börsenblatt lesen wir, „das gedruckte Buch [habe] seine führende Rolle bei der Wissensvermittlung verloren“. Das meinen zumindest die Betreiber der Buchhandlung Unibuch Lüneburg, die bis Ende 2019 auf dem Gelände der dortigen Leuphana Universität auf einer Fläche von etwa 100 Quadratmeter betrieben wurde. Der bisherige Mit-Inhaber Dietrich zu Klampen führt das Scheitern des Geschäfts auf die Bolognareform (sic) und auf das Angebot an E-Books der Universitätsbibliothek zurück. Die Studenten zögen das E-Book dem gedruckten Buch vor. Das deckt sich nicht so ganz mit meinen Beobachtungen in den Lesesälen, denn da wird immer noch fleißig Papier geblättert, vielerorts gibts auch eine Semesterausleihe parallel zu Digital, aber das mag vom Fach und vom Standort abhängig sein, und es sagt ja auch nichts über das Kaufverhalten der Benutzer aus.

Christiane Attig über die Psychologie von Podcastern

Der Chaos Communication Congress ging dieses Jahr weitgehend an mir vorbei. Ich werde mich erst mit deutlichem Abstand mal in der Mediathek des CCC umschauen, wenn es sich zeitlich anbietet.

Ein Beitrag hat mich aber über den Deutschlandfunk schon jetzt erreicht: Es gibt eine neue Studie über die Motive, die Einstellungen und die Charaktereigenschaften von Podcastern. Christiane Attig von der TU Chemnitz hat sie auf dem 36C3 vorgestellt.

Christiane Attig hat eine ungewöhnlich große Stichprobe von 653 Teilnehmern erfasst – gibt es wirklich so viele Podcaster? –, sie hat ihnen einen Bogen geschickt, der im Kern die Big Five abfragen sollte, und die meisten der Antworten, die dabei gegeben wurden, hat sie ausgewertet. Die geschlossenen Fragen liegen schon in Zahlen vor, die Freitextantworten folgen noch.

Ein paar Zahlen: Drei Viertel der Teilnehmer an der Studie waren männlich. Zwei Drittel hatten einen Hochschulabschluss, etwa ebenso viele kamen aus einer Großstadt oder aus einer Metropole. Politisch verorteten sich die Teilnehmer ziemlich deutlich links, jedenfalls „linker“ als der Durchschnitt der Bevölkerung. Der Altersdurchschnitt lag bei 38 Jahren, die Lebenszufriedenheit war gut, und alle erreichten überdurchschnittliche Werte in Bezug auf die Eigenschaften Gewissenhaftigkeit, Verträglichkeit, Extraversion, emotionale Ausgeglichenheit, Technikaffinität und Kommunikationsoffenheit. Alle waren deutlich offener für neue Erfahrungen und sehr denkfreudig (need for cognition). Die Motivation zum Podcasten war in den meisten Fällen intrinsisch, es macht Spaß, man möchte Wissen vermitteln und dabei selbst auch technisch kompetenter werden. Dass man damit eine Community aufbaut, aus der auch Rückmeldungen kommen, wird erst im Laufe der Zeit wichtiger. Die Podcasterinnen waren deutlich weniger technikorientiert als die Männer, und für sie war der Wunsch nach Monetarisierung sehr viel stärker ausgeprägt – wobei 77 Prozent aller Podcasts nicht monetarisiert werden.

Ein interessanter Vortrag. Es ist ein bedeutsamer Beitrag zum Verständnis des heutigen Social Webs. Ich hätte ihn gerne hier aus der Mediathek des CCC eingebunden, was aber aus Gründen, die ich nicht nachvollziehen kann, von wordpress.com verhindert wird.

Bald sechs Millionen Artikel in der englischen Wikipedia

Der Wikipedia Signpost weist darauf hin, dass die englische Wikipedia bald sechs Millionen Artikel umfassen werde. Derzeit sind es 5.975.874 Seiten im Artikelnamensraum. Die nächste Millionenschwelle soll um den 1. Januar 2020 herum erreicht sein. Wegen dem Autorenschwund bestehen zunehmend Bedenken hinsichtlich der Aktualität der Inhalte bei Wikipedia. In deutscher Sprache gibt es 2.370.146 Artikel.

Eindrücke von der Frankfurter Buchmesse 2019

Nachdem ich letztes Jahr nicht dabei war, diesmal also wieder einmal die Buchmesse. Was hat sich verändert im Vergleich zu früher, wo liegen die Trends?

Die Frankfurter Buchmesse schrumpft. Als ich zum ersten Mal dorthin kam (dazu hatte ich damals noch nicht gebloggt, meine Eindrücke gehen nur bis ins Jahr 2009 zurück), erstreckte sie sich fast über das ganze Messegelände. Die Halle 8, früher ganz in angelsächsischer Hand, war dann schon 2015 aufgegeben worden. Vergangenes Jahr zog das Blaue Sofa von dem Durchgang zwischen Halle 5 und 6 weg und belegt seitdem einen erheblichen Teil der Halle 3.1. Dort war früher der Deutschlandfunk in einer kleinen Insel beheimatet, heute ist es eine Bühne wie bei den großen Zeitungen geworden. Nächstes Jahr sollen dann die Sanierungsarbeiten an den Hallen 5 und 6 weitergehen, und dann reicht bei der geringen Nachfrage die ganz kleine Halle 1, die während meiner Zeit noch nie genutzt worden war, für die Auslagerung völlig aus. Wenn das so weitergeht, hat die ganze Buchmesse in wenigen Jahren bequem in einer Hutschachtel Platz.

Wie wirkt sich das aus? Wo weiland aus- und einladende regelrechte Stand-Landschaften platzgreifend zu sehen waren, traut man seinen Augen nicht. Springer Nature auf etwa einem Drittel der Fläche von früher, DeGruyter noch kleiner. Juris war gar nicht erst da. Google übrigens auch nicht (nach über zehn Jahren, erst für Google Books, dann für Google Play). Aber Scientology – die Geschäfte gehen offenbar gut. Die Bildungsverlage in Halle 4.2 waren nur noch ein Schatten dessen, was es da mal gab. Wikipedia kam dieses Jahr auch nicht mehr, jedenfalls nicht mit einem Stand, Wikipedianer waren natürlich vor Ort, wie man an den hochgeladenen Bildern auf Wikimedia Commons sehen kann. O’Reilly war durchaus da, man denkt an die Buchreihen, schön ausgestattet, aber nur das Online-Learning war gekommen, und nur O’Reilly U.K. „Thank you, I will hand on your card to a colleage.“ Zurück zu Springer Nature: „Reicht Ihnen die Fläche?“ – „Ja, doch.“ Nicht nur weniger Tische für Vertragspartner, auch weniger Standpersonal wird gebraucht. Und es wird auch weniger verschenkt. Keine Papiertüten mehr, sondern nur noch Stoffbeutel. Bleistifte, Kugelschreiber und Blöcke kriegt man am besten beim Rundfunk.

Überhaupt füllen Hörfunk- und Fernsehsender nicht nur frei gebliebene Flächen aus, wo früher Buchverlage ihre Ware feilboten. Sie sorgen auch dafür, dass die Daheimgebliebenen ein Bild von der Messe zu sehen und zu hören bekommen, das mit dem tatsächlichen Geschehen vor Ort nur noch wenig zu tun hat, denn man könnte meinen, es sei alles wie früher, immer noch der Büchermarkt im Deutschlandfunk live von der Frankfurter Buchmesse – ist es aber nicht. Die früher mittleren Stände sind heute kleine, manchmal ganz kleine. Und Langenscheidt und Pons gibts an einem halb gelben, halb grünen Stand zu sehen. Patchwork. Von zwei früher einmal konkurrierenden Verlagen sind nur noch zwei Marken geblieben, die beide Klett gehören und deren zukünftiges Profil ungewiss ist.

Interessant, dass der Internet-Radiosender detektor.fm sich zu seinem zehnjährigen Bestehen auf den eigenen Roll-ups als „Podcast-Radio“ bezeichnet. Vom Podcast wieder zurück zum Livestream? Antizyklisch denken, in Zeiten, in denen der Podcast boomt? Scheint so, verspricht aber auf Nachfrage auch bessere Auffindbarkeit der meist höherwertigen Beiträge im linearen Programm. Am besten laufe der Brand-Eins-Podcast mit einer gerade sechsstelligen Zahl an Abonnenten. Merke: Blogs und Podcasts sind Nische. Aber diese Nische ist so groß, dass mancher Kultursender versunsichert aufblicken dürfte.

Die Gastland-Halle von Norwegen war etwas merkwürdig. Weißer Plastikboden, als wäre es Schnee. Zu zwei Seiten, links und rechts vom Eingang her gesehen, durch riesige Spiegel scheinbar ins Unendliche erweitert, und zentral an der hinteren Wand eine etwas zu große Bühne, auf der Interviews geführt werden. Dazwischen immer wieder kleine Bücher-Inseln, als wären es Kostproben, aber die Stimmung ist viel zu unkonzentriert, als dass man diese Häppchen zu sich nehmen könnte. Man flottiert zwischen diesen Inseln und geht am Ende ungefähr so hinaus, wie man hereingekommen war. Immerhin: An der Theke mit Infomaterial gibt es einen kleinen, aber schön gestalteten Prospekt der norwegischen Nationalbibliothek.

Die Frankfurter Bloggerin und Journalistin Andrea Diener erzählte einmal in einem Podcast von einer Redaktionssitzung bei der FAZ, bei der Marcel Reich-Ranicki über die Buchmesse gesagt haben soll: „Das ist eine Verkaufsveranstaltung, damit habe ich nichts zu tun!“ Deshalb sei sie dann am Ende dorthin geschickt worden. Nachdem die Buchmesse-Zeitung eingestellt worden war, bloggte sie seit 2014 bei der FAZ über die Messe, aber das schenkt sich die Zeitung dieses Jahr zum ersten Mal. Das Buchmesse-Blog der FAZ gibt es nicht mehr. Vielleicht auch das ein Zeichen – für die Rolle von Blogs, die Rolle der kommerziellen Blogs der Zeitungsverlage oder für die Buchmesse? Diese alte Welt, die gerade vor unseren Augen untergeht?

Bibliothek des Gutenberg-Museums in Hebis recherchierbar

Das Börsenblatt weist heute darauf hin, dass die Bibliothek des Gutenberg-Museums nun einen neuen OPAC erhalten habe und dass der gesamte Bestand der Bibliothek nunmehr auch über den Hessischen Verbundkatalog Hebis recherchierbar sei. Die Titel werden in Hebis in der Bestandsinfo unter „Mainz, Stadtbibliothek und Gutenberg-Museum“ nachgewiesen.

Das Gutenberg-Museum in Mainz betreibt eine Bibliothek zur Buch-, Druck- und Schriftgeschichte mit rund 91.000 Bänden und etwa 50 laufend gehaltenen Zeitschriften. Die Migration auf die neue Plattform hat zwei Jahre benötigt, ist zum größten Teil vollzogen und wird bis zum Jahresende abgeschlossen sein.

(via TeX-D-L/de.comp.text.tex/InetBib)