schneeschmelze | texte

wenn der weiße schnee, der alles bedeckt hat, schmilzt, erscheint die welt wieder, wie sie ist, nicht: wie sie war

Kategorie: Uebergaenge

Ein Blick in die kleinen Wikis

Nachdem das Rezepte-Wiki schon Ende 2014 in das Koch-Wiki umgezogen war, hat sich das Projekt stabilisiert. Die Inhalte werden weiter gepflegt, und vor allem wird auch die Technik modernisiert.

Aus Wikipedia übernommen wurden die Benachrichtigungs- und Ping-Funktionen auf der Plattform (die man, wie dort, am besten in den Account-Einstellungen stummschaltet, um davon in Ruhe gelassen zu werden), aber man setzt sich auch ab von der großen Schwester, beispielsweise durch einen eigenen Skin: Seit einer Woche läuft das Koch-Wiki standardmäßig unter Chameleon, responsiv und einheitlich auf allen Clients nutzbar. Alle Konten wurden umgestellt und erhalten erst einmal dasselbe Layout wie alle Leser; wenn man angemeldet ist, kann man aber in den Einstellungen zum gewohnten Skin zurückwechseln. Außerdem gibt es die neue Kühlschranksuche, in der man sich interaktiv Kochrezepte aus dem Wiki zu den jeweils im Kühlschrank verfügbaren Zutaten anzeigen lassen kann.

Ein anderes immer noch recht interessantes Wiki ist sicherlich die indiepedia.de, die sich bekanntlich der Independent-Musikszene gewidmet hat. Auch hier leider eine ganz ähnliche Beobachtung wie bei Wikipedia: Ältere Inhalte werden nicht mehr aktualisiert, Benutzer stellen ihre Arbeit ein, andere greifen deren Werk nicht auf, dadurch kommt es zur Veralterung des Bestands. Auch auf indiepedia.de gibts also etwas zu tun…

Ein Beispiel ist die Kölner Künstlerin Julia Kotowski, die unter dem Namen Entertainment for the Braindead vor etwa zehn Jahren bekannt geworden war. Ihre Lieder von damals, die sie alle vollständig selbst eingespielt und produziert hatte, habe ich immer noch dabei, und ich höre sie regelmäßig.

Während es eine Zeitlang etwas stiller um sie geworden war, hat sie jetzt für den November eine neue EP angekündigt, die über Bandcamp vertrieben wird. Es gibt zwei Stücke als Preview.

Ihr Eintrag auf indiepedia.de ist aber immer noch auf dem Stand von 2010 stehengeblieben. Dort gibt es auch ihr altes Netlabel Aaahh Records noch, das schon lange nicht mehr existiert – mittlerweile organisiert man dort Konzerte. Die alte Backlist stand vollständig unter Creative-Commons-Lizenz und kann deshalb aus dem Internet Archive heruntergeladen werden. Sozusagen das moderne Antiquariat des Netzes.

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Why blogs endure

In einem Aufsatz in der Zeitschrift First Monday wird über eine Studie berichtet, bei der Schüler und Studenten an zehn amerikanischen Colleges und Universitäten über ihre Blog-Lektüre befragt worden waren. 62 Prozent gaben an, Blogs innerhalb der letzten zwölf Monate als Informationsquelle genutzt zu haben, insbesondere für schrittweise Anleitungen und zur Vertiefung. Die Blog-Leser griffen auch verstärkt auf ergänzendes Material zurück, etwa Videos auf YouTube. Ein gehaltvoller Aufsatz mit einem Rückblick in die Netzgeschichte und relevanter Literatur.

  • Head, Alison J., Michele Van Hoeck und Kirsten Hostetler. 2017. Why blogs endure: A study of recent college graduates and motivations for blog readership. First Monday 22, Nr. 10 (1. Oktober). doi:10.5210/fm.v22i10.8065, http://firstmonday.org/ojs/index.php/fm/article/view/8065 (zugegriffen: 1. Oktober 2017).

Wikipedia baut ab, oder: Was von „open“ übrig bleibt

Es ist schon eine Weile her, daß ich einen Blick auf die Entwicklung bei Wikipedia geworfen hatte.

Die Sommer-Statistik ist jetzt mit großer zeitlicher Verzögerung veröffentlicht worden. Die Tabelle zeigt: Es gab noch nie so wenig Autoren, seit ich 2005 bei dem Projekt begonnen hatte, siehe die Spalten „Wikipedians Edits >5“ bzw. „Edits >100“. Es sind jetzt nur noch 4600 mit mehr als fünf und 720 mit mehr als 100 Bearbeitungen pro Monat.

Zur Neuautorenwerbung hatte Wikimedia Deutschland im Sommer Banner geschaltet, ergänzt um entsprechende Anleitungen. Daraufhin gab es 159 Neuanmeldungen, von denen dann aber nur 32 editiert haben; davon hatten zwei mehr als zehn Bearbeitungen gemacht – das war das Ziel der Kampagne. Eine Herbstaktion wird folgen, natürlich auch ein entsprechender „Dankes-Banner“ ab Neujahr nach der alljährlichen Spendenkampagne.

Die Folge des Autoren-Exodus ist vor allem, daß die Inhalte schon seit mehreren Jahren und breit angelegt veralten. Sie werden nicht mehr aktualisiert, und auch eine inhaltliche und redaktionelle Weiterentwicklung bleibt aus, während sich das Web und auch die bibliothekarischen und archivalischen Online-Angebote immer weiter entwickeln und die Suchmaschinen zu Antwortmaschinen geworden sind. Und die wissenschaftlichen Bibliotheken bauen die Fachinformationsdienste auf, die sich nur noch an Wissenschaftler richten – die Folge: Wissen wird wieder exklusiver, es verschwindet hinter Paywalls und ist nur noch für Insider abrufbar, noch viel restriktiver als zu Print-Only-Zeiten; ich bekomme ohne Affiliation z.B. keinen Remote-Zugriff auf Datenbanken der FIDs direkt vom FID. Das ist ein völlig unzureichender Stand für eine Wissens- und Informationsgesellschaft – das Gegenteil müßte das Ziel sein: Wissen zu befreien und immer besser zugänglich zu machen. Der einzige Trend, der von allem, was einst als open angedacht war, übrig bleibt, wird nach alledem wohl Open Access sein, und wenn es so käme, wäre es ein großer Erfolg, ganz gleich in welcher Variante.

Es ist nicht möglich, einen toten Knoten im Netz wiederzubeleben, die Karawane ist weitergezogen. Man kann heute gerade noch mit Wikipedia arbeiten, aber ihre Nützlichkeit wird bald noch weiter abnehmen und schließlich wird der Korpus so wirken wie heute ein Brockhaus aus den 1970er Jahren anmutet: Das meiste ist nicht ganz falsch, aber eben angestaubt, und man muß sich die weitere Entwicklung der darauffolgenden Jahrzehnte hinzudenken und woanders recherchieren. Es gibt heute genügend andere Quellen, und das Bessere ist stets der Feind des Guten. Das galt auch schon beim Aufstieg von Wikipedia gegenüber den früheren Nachschlagewerken.

Sowiport wird eingestellt

Gesis stellt zum Jahresende das sozialwissenschaftliche Rechercheportal Sowiport ein:

Wir fokussieren unser Rechercheangebot künftig auf eine digitale, möglichst freie Verfügbarkeit und Nachnutzbarkeit von Publikationen (Open Access) und Forschungsdaten (Open Data) sowie damit verbundenen Informationen. Mit der neuen GESIS-Suche bieten wir ein Rechercheangebot, welches den Fokus auf Open Access und Verknüpfungen von Informationen legt.

Sehr zu empfehlen wäre eine lokale Archivierung von Recherche Spezial, das von 2008 bis 2014 sozialwissenschaftliche Literatur zusammengefaßt hatte. Allein die Themenauswahl spricht für sich.

Die Literatur- und Forschungsnachweise aus ausgewählten Sowiport-Datenbanken vermitteln einen Eindruck über die Qualität und den Umfang der in der übergreifenden Sowiport-Suche integrierten Datenbanken. Zugleich verschaffen Sie Ihnen einen raschen Überblick über die sozialwissenschaftliche Forschungslandschaft.

Der Fachinformationsdienst Soziologie befindet sich noch im Aufbau.

Der Nullvektor

Wer nach etwa einem Vierteljahr vom Zauberberg zurückkehrt zu jenen unten im Tal, findet eine etwas andere Szene vor als diejenige, die er verlassen hatte. Der zeitweilige Rückzug nach innen als Reaktion auf eine Phase mit sehr viel Außen ist durchaus notwendig und nährend. Das Trommeln und das Zittern treffen auf tiefe Stille und immer noch lauten Nach-Hall, der langsam ausläuft und zum Ruhepunkt drängt, obwohl der nicht ganz ruhen soll.

Was fällt auf? Einige Notizen:

In eineinhalb Wochen ist Bundestagswahl, und die Gesellschaft ist immens politisch geworden. Aber das Politische hat für die meisten nichts mehr zu tun mit Parlamenten oder Politikern, sondern es beginnt bei einem selbst. Wer beispielsweise etwas für den Schutz von Tieren unternehmen möchte, würde nicht ernsthaft argumentieren, dazu eine bestimmte Partei zu wählen. Schon die Vorstellung, es gebe einen Zusammenhang zwischen dem Wahlakt und einem bestimmten, konkreten Erfolg in der Wirklichkeit, erscheint derzeit eher wie ein Wahn, zumindest sehr abwegig. Wer etwas für Tiere tun möchte, bestellt sich das vegetarische Essen, besser noch: vegan. Das Politische findet nicht mehr repräsentativ in weiter Ferne statt, sondern es passiert hier und jetzt, wo wir es machen – oder eben gar nicht.

Denn alles legt sich selbst lahm, das System blockiert sich selbst, weil die Player sich selbst ebenso wie gegenseitig behindern. Eine starke Hemmung lähmt den Diskurs in den Medien. Gründe dafür sind nicht erkennbar. So wird die Politik zu einem einzigen großen Nullvektor. Das ist der eigentliche Grund für die schwindende Legitimität der Demokratie: Ihre Un-wirk-lichkeit ist keine Frage von checks and balances mehr, es gibt eher zuviel davon, und Impulse für eine inhaltliche Entwicklung fehlen ganz oder kommen nicht in die Gänge. Ein Land, in dem die Beschaffung zweier Liegesessel für eine psychosomatische Klinik nur mit dem vereinten und kontinuierlichen Einsatz aller Beschäftigten über einen Zeitraum von fünf Jahren möglich ist, hat fertig, weiß offenbar schon lange nicht mehr, wozu es eigentlich da ist und wo es hin will und wozu das alles überhaupt. Verhinderung und Beharren sind wichtiger geworden als das Tun. Schlichte Verwaltung scheint das wichtigste geworden zu sein. Entwicklung ist nahezu ausgeschlossen, und Gelder, die bereits bewilligt sind, können nicht abgerufen werden, weil die Verwaltung nicht hinterher kommt.

So wird auch das Wählen selbst schon zu einer Art Bilanzselbstmord, zumindest eine Bankrotterklärung, denn keiner derjenigen, die sich dazu anbieten, wären noch in der Lage, über ihren eigenen Schatten zu springen – was doch das mindeste wäre, um wirklich voran zu kommen. Nur die kleinsten Parteien, ausgefiltert von Prozenthürden und Schikanen, sprechen noch über Veränderung in die Zukunft hinein, die großen wollen entweder zurück, um die Vergangenheit einfach weiter zu schreiben, oder sie kommen gar nicht erst vom Fleck. Der politische Diskurs ist zum Geschwätz von Marketing-Leuten verkommen, die sich Plakate ausdenken und Sprüche als ginge es um irgendwelche Wegwerfprodukte wie andere mehr. Politik als Konsum. Kauf statt Mitbestimmung. Und folglich die Konsumverweigerung als letzte mögliche Chance, so etwas wie Kontrolle zu erleben. Der Nichtwähler als der eigentliche Wähler, der, wie Bartleby, lieber nicht teilhat an einer Farce, bei der schon lange die Minderheit über die Mehrheit herrscht – obwohl das Gegenteil der Fall sein sollte. Dieser Widerspruch ist nicht heilbar.

Politik als Nullvektor, also. Das Nichtstun als das eigentliche Tun. Diese Bundestagswahl ist sozusagen das Tao der Politik geworden.

Oder ist es ganz anders? Antje Schrupp hatte schon im Januar von den BIG ULGLY FIVE geschrieben, und die Diskussion in ihrem Blog dauert weiter an. Auch für sie stellen sich die Dinge ganz ähnlich dar: Keine Partei kann sie wirklich überzeugen. Also: Wählen, um den Anteil der Rechtsextremisten am Ergebnis so gering wie möglich zu halten. Ein ehrenwertes Ziel, sicherlich, und so werde ich es am Ende auch halten, aber es ändert eben am ganzen nichts. Und das sollte man deshalb im Auge behalten.

Die Lage ist völlig verfahren. Was fehlt, sind Spielräume. Und über sie wäre in einem deliberativen Verfahren zu beraten. Das aber würde einen echten Diskurs voraussetzen, keine Schlacht der Waschpulververkäufer und keine Kandidaten, die nur deren Parolen auswendig lernen und live im Fernsehen aufsagen. Die Abwesenheit von Politik kann nur durch die Neuerfindung der Politik behoben werden. Wenn wir aber gegen den rechten Rand und die Feinde der Demokratie stimmen, statt für die Politik, schwächt das die Demokratie, wie es in Frankreich schon lange der Fall ist, wo ja auch ganz viele in der zweiten Runde der Präsidentschaftswahlen nicht gegen den FN stimmen wollten, was nur möglich gewesen wäre, indem sie ihre Stimme einem Neoliberalen Macron gegeben hätten, der sich seine eigene Partei zudem gleich mitbrachte.

Politik muß ein Vektor sein, muß in Bewegung sein, muß auch Impulse aufnehmen und produktiv verarbeiten können, um die Gesellschaft voran bringen zu können. Muß selbst ein Teil der Gesellschaft sein. Darf nicht länger den Begriff der Reform diskreditieren als eine Richtung, die nur nach unten führt, zum Abbau von Strukturen und Leistungen, sondern zur Solidarität und zum Aufbau hin.

Politik muß ein Trotzdem sein, wie es zum Beispiel beim Bestellen eines vegetarischen Gerichts sich zeigt. Und kein Weiter so, sondern ein Weiter!

Historiker im Neuland

Die Digitalisierung wird nun zunehmend auch von den Zeithistorikern beschrieben. Marcel Schmeer berichtet bei H-Soz-Kult über eine Tagung, die Ende März 2017 am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam durchgeführt worden war.

Interessant dabei der Ansatz, inwieweit und – falls ja – mit welchen Markierungen die Computerisierung ganz verschiedener Bereiche der Gesellschaft zu periodisieren wäre:

… Entgegen der üblichen zeitgeschichtlichen Zäsurdebatte solle die EDV-Einführung vielmehr in längerfristige temporale Strukturen eingeordnet werden. Die in den 1980er-Jahren vorangeschrittene Computerisierung markiere so die endgültige Abkehr des seit dem 19. Jahrhundert kultivierten Glaubens an die gesellschaftsordnende Kraft (national-)staatlicher und wirtschaftlicher Akteure …

– das ist ein beinahe klassischer Topos der Netztheorie:

Governments of the Industrial World, you weary giants of flesh and steel, I come from Cyberspace, the new home of Mind. On behalf of the future, I ask you of the past to leave us alone. You are not welcome among us. You have no sovereignty where we gather

schrieb schon 1996 Barlow in seiner Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace. Der von den Historikern natürlich nicht zitiert wird. Worüber haben sie gleich nochmal konferiert?

Sie sprachen offenbar über Absichten und Ziele der Digitalisierung, über Entscheidungen und Methoden, über Verwaltung und Bürokratie, über Apparate (weniger im technischen als im gesellschaftlichen Sinn), aber auch über die Digitalisierung des Schachspiels seit den 1970er-Jahren. Oder über den Abschied von „Autodidakten, Bastlern und Quereinsteigern“ durch die Etablierung der Informatik an den Hochschulen und Universitäten seit den 1960er-Jahren. Andererseits: Die Computerisierung „von unten“ und Computer(sub)kulturen und dort kultivierte alternative Praktiken der Aneignung. Und weiter:

Auch der enggeführte Begriff des Computer-Nutzers müsse stärker hinterfragt werden, da die Digitalisierung schließlich die Lebenswelt(en) aller Zeitgenossen verändert habe, was Fragen nach spezifischen Generations- und Geschlechtererfahrungen aufwerfe.

Historiker im Neuland, auch dieser Begriff darf am Ende der Besprechung nicht fehlen. – Lesen!