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Der Wanderer LVIII

Zum Beispiel die Verschiebung von Wahlen und – je nach Bundesland – die Verschiebung der Abiturprüfungen – oder jedenfalls die Diskussion darüber. Institutionen in Politik und Bildung können nicht mehr einfach so weiterarbeiten. Die demokratische Legitimation von Politik und Recht ist nicht mehr lückenlos herstellbar. Schulen und Hochschulen können ihre gesellschaftliche Funktion als Zertifizierungsstellen für Zeugnisse und weitere Abschlüsse nicht mehr erbringen, auf denen wiederum andere gesellschaftliche Systeme (der weitere Bildungssektor, die öffentliche Verwaltung und die Wirtschaft) zurückgreifen. Die Gerichte versuchen noch, die Öffentlichkeit in den mündlichen Verhandlungen aufrechtzuerhalten. Ob das aber tatsächlich gelingt, muss man im Einzelfall sehen.

Es entsteht ein disruptiver Moment. Entscheidend ist, wie lange er andauert und wie darauf reagiert wird. Systemtheoretisch kann man sagen, strukturelle Kopplungen zerbrechen, das Zusammenspiel gesellschaftlicher Subsysteme funktioniert nicht mehr, ihre Programmierung im einzelnen und insgesamt läuft ins Leere oder stört sich sogar gegenseitig. Ihr Verhältnis zueinander muss neu ausgehandelt und festgelegt werden: Familie vs. Wirtschaft während des für die meisten ganz neuen „Homeoffice“. Hauswirtschaft vs. lokaler Handel vs. Welthandel bei Unterbrechungen der Lieferketten infolge von Grenz- und Geschäftsschließungen.

Un long moment ist nicht notwendigerweise etwas Schlechtes, er kann – als ein Raum der Stille und der Neuorientierung – auch zum Nachdenken und zum Neu-Ansetzen genutzt werden. Das ist aber kein Selbstläufer. Für Neu-Orientierung muss man sorgen, sie entsteht nicht von selbst durch jede beliebige Unterbrechung des bisherigen Betriebs.

Neu bei alledem ist der Anlass. Die Natur tritt hervor und stellt sich in den Weg, entzieht uns den Boden, auf den wir angewiesen sind für alles Weitere. Das Anthropozän ist noch nicht zuende, wie manche meinen, aber es ist brüchig geworden und wankt. – „Was weiß ich von Bäumen?“

Und das gerade angesichts der völlig beiseite gewischten Klimadebatte. Kein Wort mehr über Fridays for future. Wie kurzlebig waren die Kampagne, die Bilder und die Narrative, die die Medien davon übertrugen. Die streikenden Schüler vs. die Durchführung von Abiturprüfungen angesichts des grassierenden Infekts. Es ist nicht gerade die Pest, aber es sind natürlich keine regulären Bedingungen, wenn eine staatliche Prüfung in einer größeren Gruppe abgenommen wird, während ansonsten ein flächendeckendes Kontaktverbot gilt. Die Begründung des hessischen Kultusministers dazu war in einem Interview sinngemäß: Nun haben wir damit angefangen, nun machen wir es auch zuende. Auf dass der Jahrgang sein Abitur bekomme. Als wäre das Abi 2020 eine Art Notabitur wie in Kriegszeiten. Sonderopfer werden gefordert, und sie werden offenbar auch erbracht: Es hätten sich zu wenige um ein Jahr zurückstellen lassen, deshalb hätten sie mit den Prüfungen weitergemacht, hieß es. Keine Spur von Rebellion mehr. Sie gefährden ihre Gesundheit, statt ihre Abiturprüfung – unter diesen Umständen – um gerade mal ein Jahr zu verschieben.

Wie das Internet die Wahrnehmung von Menschen verändert

Er sei an einem Herzinfarkt gestorben, lese ich. In Frankfurt. Der Verlag trauere (natürlich). Er sei ja ein ganz großer gewesen, sagt der Politiker im Radio. Ich denke daran, daß ich ein Buch von ihm ohne Bedenken weggab, vor langem schon. Und Wikipedia erinnert mich an all das noch einmal, was ich früher schon nicht von ihm mochte. Immer vorne mit dabei sei er gewesen – was nicht stimmt, tatsächlich hat er alles im zweiten oder dritten Aufguß noch einmal als ein dünnes Süppchen aufgeköchelt, was andere vor ihm schon als Fünf-Gänge-Menü serviert hatten. Ohne ihn gehe es im gesellschaftlichen Diskurs nicht weiter – was nicht stimmt, denn sein Geschäft war es, die konservative Agenda seiner Zeitung zu setzen, und dementsprechend trauern jetzt auch vor allem diejenigen – und haben doch längst schon die Nachfolge geregelt. Nur das Funktionslose ist unersetzlich, und er hatte doch eine Funktion. Ja, kann man sagen. Legendenbildung in the making. Er sei allein gewesen, als man ihn fand, lese ich. Er hat keine Hilfe mehr bekommen, er war allein. Und der Prominente J. habe etwas darüber getwittert, schreibt ein Hörfunksender. Ich schaue auf Twitter und suche nach seinem Namen. Scrolle ein bißchen, scrolle weiter und lese – seinen letzten Tweet. Vor 23 Stunden, da war er noch am Leben und hat etwas versandt, das jetzt so stehen bleibt. Er hat auch selbst keine Hilfe mehr gerufen. Das einzige, das sein Tod markiert, ist das Ende des Feuilletons. Ein letztes Aufbäumen der Pressekonzerne, um „Debatten“ zu inszenieren, crossmedial. Das konnte er. Ich erinnere mich an die fahrige Schreibe, nicht drei Seiten am Stück in seinen Büchern, von denen man hätte sagen können, es wäre darin ein Gedanke ausgeführt worden. Was bleibt, sind Texte in Pressearchiven, Videos, Aufzeichnungen von Radiosendungen und Podcasts. Nachrufe. Und ein Twitter-Account. Hier enden die Spuren, die er im Netz hinterlassen hat.

Zur Zeitungskrise

Man wird differenzieren müssen:

  • Die BILD-Zeitung und Vergleichbares wird sich weiterhin halten – der Handwerker oder der Busfahrer ist keine Zielgruppe für das iPad.
  • Auch die großen Wirtschaftszeitungen werden weiterhin bis in die hinterletzte Bankfiliale geliefert.
  • Was immer mehr fehlt, sind dagegen kritische Zeitungen. Die letzte, die mainstreamtauglich weichgespült wurde, war der „Freitag“, der dadurch übrigens viele, viele Abonnenten und Kioskkäufer verloren hat – so viele, daß er auch an der IVW-Erhebung schon lange nicht mehr teilnimmt. Wer sich für kritische aktuelle Texte interessiert, liest heute Blogs.
  • Und das politische Sachbuch boomt, es ist wahr (Foer, Schirrmacher, Sloterdijk, Leggewie/Welzer, Ziegler, Judt, Hessel…).

Posting, Mailingliste InetBib, 15. Februar 2011.

Von A nach B fahren III

Die Abenddämmerung heute zum ersten Mal winterlich, als ich gegen die untergehende Sonne jogge, die schon hinter dem Horizont verschwunden ist. Noch keine kahlen Bäume, aber der lange Herbst ist auf dem Höhepunkt, und es liegen nun immer mehr welke Blätter auf den Wegen herum. Kahler und kalter Winterhimmel kündigt sich an.