Archiv der Kategorie: Unterwegs

Wildnis in Frankfurt und Mondrian in Wiesbaden

Die „Wildnis“, die derzeit in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt am Main gezeigt wird, ist ein gutes Beispiel dafür, was ein Kurator bitte nicht machen sollte: Wer mit der Tür ins Haus fällt und gleich im ersten Raum Thomas Struth, Gerhard Richter und Henri Rous­seau (und zwar in dieser Reihenfolge) verbrät, kann sich kaum noch steigern. Hundert Bilder, Skulpturen, Assemblagen und Videos, und es kommt kaum noch wirklich Überzeugendes mehr nach.

Die Künstlichkeit der Kunst – geschenkt – wer hätte das nicht schon gewusst, dass die Bilder „in der Werkstatt“ entstehen. Okay, am Ende kommt es dunkelrot, und wo kommt eigentlich der viele Nebel her? Aber will man das wirklich wissen?

Die Wildnis, die hier gezeigt wird, setzt um die Mitte des 19. Jahrhhunderts ein, und es ist zunächst einmal eine dokumentierte Natur. Es gab ja gerade erst eine gewisse Irritation über das Format der Reportage, und als hätten sie sich abgesprochen: Auch hier wird das Hochgebirge gefaket, und die untergehende Sonne strahlt rot, als käme sie direkt aus dem Abklingbecken der Kunstgeschichte.

Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen, aber hier ist es einfach zuviel. Man denke sechs Jahre zurück, da gabs sowas schon mal in der Schirn, die „letzten Bilder“, die ziemlich zusammenhanglos und assoziativ gelockert nebeneinander an der Wand hingen. Nichts verband sie, als dass es eben mehr oder weniger zufällig die letzten ihrer Art waren. Ganz ähnlich hier: Irgendwas mit Natur. Die längste Kegelbahn der Welt ist nicht leicht zu bespielen, aber etwas mehr Raum gelassen, und Helmut Middendorfs Electric Night käme zur Wirkung; hier aber: wie in einer Ecke abgestellt, wo gerade noch dafür Platz war. Die beiden Werke von Jean Dubuffet bleiben im Gedächtnis.

Ein gutes Gegenbeispiel für eine größtenteils geglückte Dramaturgie ist dagegen die Ausstellung zu Piet Mondria(a)n, die derzeit im Museum Wiesbaden zu sehen ist. Fast der ganze Mondrian ist in, wenn ich mich noch richtig erinnere, sieben oder acht Räumen zu sehen. Von der frühen Landschaftsmalerei zu den bekannten Kompositionen mit Rechteckmuster in den Primärfarben rot, gelb und blau – der Museumsshop verkauft dazu die passenden Brillenputztücher und Servietten, falls man das mag.

Nur bitte nicht auf die Idee kommen, die Bilder wären chronologisch gehängt – das sind sie nicht. So entgeht einem das Hin- und Herschwingen zwischen figurativen und abstrakten Malweisen zwischen These, Antithese und Synthese, auch bei den Materialien, über Jahrzehnte hinweg.

Und es hätte nicht so enden müssen. Das rote Quadrat im letzten Raum war nicht zwingend oder unvermeidlich. Es wirkt eher wie eine Form, die auf etwas wartet, das dann noch folgt.

Wildnis. Kuratorinnen: Esther Schlicht und Johanna Laub. Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main. Bis 3. Februar 2019. – Digitorial.

Piet Mondrian. Natur und Konstruktion. Kurator: Roman Zieglgänsberger. Museum Wiesbaden. Partner: Gemeente Museum, Den Haag. Bis 17. Februar 2019.

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„Orkan Niklas“ im Museum Angewandt Kunst, Frankfurt am Main

Der Orkan Niklas, der europaweit für Behinderungen gesorgt hat und weiter anhält, ist auch am Museum Angewandte Kunst in Frankfurt nicht vorübergegangen. Das Museum hat auf die extreme Wetterlage reagiert und den Zugang zu seiner Sammlung sowie zu den Sonderausstellungen für Besucher, die einen sturmtauglichen Regenschirm mit sich führen, geschlossen. Die Schließfächer im Untergeschoß seien viel zu klein für so große Regenschirme, und auch eine bewachte Garderobe könne man leider nicht mehr anbieten. Auf diese sei bei den vor kurzem durchgeführten Umbauarbeiten verzichtet worden, erklärte eine Mitarbeiterin des Hauses. So zogen wir gestern unverrichteter Dinge von dannen. Wir kehren zurück, wenn die Sonne wieder scheint.

Am Abend fahren wir unterirdisch ohne Überraschungen durchs Gebirge

Aus dem Sonnenschein fahren wir ins Dunkel, erst überirdisch, dann unterirdisch, dann durchs Gebirge, das nicht so hohe, in den Nebel hinein, über allen Wipfeln, wo Ruhe sei. Alles elektrisch. Handys klingeln, Gepäckstücke werden durch den viel zu engen Raum getragen, stehen herum, Gespräche überall, Kinder rennen im Übermut durch den Wagen. Touristen steigen am Flughafen aus. Weiter zu kafkaesken Welten. Zehn Gleise, aber wo ist das zehnte? Am Ende ist alles genau da, wo es die Pläne schon vorher verzeichnet hatten. Alles wie erwartet. Beruhigend und trivial zugleich. Zum Abend wird es dunkel. Keine Überraschungen. Nirgends.

Der Igel

Der Igel fiel mir auf, als ich die Straße entlang ging. Erst lief er unter das geparkte dunkle Auto, dann aber weiter, darunter hindurch und quer über den Fußweg, direkt auf das niedrige Tor zu. Als ich mich immer mehr näherte, nahm er kurz Maß und lief dann mit voller Geschwindigkeit zu dem Tor, machte sich so schlank es ging und schlüpfte unter dem Tor hindurch, von mir weg. Das dürfte ihm nicht leicht gefallen sein, er kam gerade noch so hindurch und brachte sich vor mir, dem gefährlichen Menschen, in Sicherheit in Richtung Rasen und dann hinüber zur Hecke, unter der er kurz darauf wieder verschwand.

Zuerst in: albatros|texte, 19. Juni 2014

Eindrücke von der Frankfurter Buchmesse 2013

Nachdem die Buchmesse im vergangenen Jahr für mich ausgefallen war, also diesmal wieder ein Gang durch die Verlags- und Medienwelt, genauer: Durch die Hallen 4.1, 4.2 und 3.1. Was hat sich da getan seit 2011 in dem Bereich, der mich umtreibt (Bildung, Wissenschaft und Bibliotheken)? Man kann getrost und ganz direkt fragen: Wie ist die Digitalisierung seitdem weitergegangen?

„Das Klassenzimmer der Zukunft“ habe ich zwar vergeblich gesucht – wo hatten sie das eigentlich versteckt? Als ich durch den Bereich Bildung lief, fand ich nur eine entsprechende Aufschrift an einer Wand vor, da muß ich wohl noch einmal auf die Suche gehen. Ein paar Gänge weiter dann aber ein zufälliger Fund, wie meist die eindrücklichsten Begegnungen im Messegeschäft: Eine polnische – ich formuliere es mal neutral – Firma bietet „Lösungen“ zum E-Learning für Schulen und Hochschulen an. Keine Endprodukte, nur B2B, sehr globaler Markt, bis nach Malaysia und auch in Australien hat man Kunden, auch in Südmamerika werde damit gelernt, belehrt mich die Broschüre. Die Inhalte sind leicht anzupassen an nationale Curricula. Als Fächer kommen daher im wesentlichen Mathematik und Naturwissenschaften infrage. Das ganze wurde mir dann kurz auf dem iPad anhand eines Filmchens zum Aufbau einer tierischen Zelle vorgeführt. Es ist eine Cloud-Lösung. Kein Flash, sondern HTML5, immerhin.

Und wenn man Gelegenheit hat, mit Polen über E-Learning zu sprechen, sollte man unbedingt die Sprache auf das Thema Open Educational Resources bringen, denn Polen gehört zu den Ländern, in denen es staatliche Initiativen gibt, in denen freie Lernmaterialien unter CC-BY-Lizenz erstellt werden. Und das scheint mittlerweile sogar sehr gut zu funktionieren. Auf Nachfrage: Früher seien OER qualitativ ziemlich schlecht gewesen, aber mittlerweile sei das Material schon sehr viel besser geworden. Und auf lange Frist werde es darauf hinauslaufen, daß ein ähnliches Problem entstehe wie bei den Zeitungen: Die Schulbuchverlage würden durch die freien Materialien mehr und mehr verdrängt. (In Halle 3.1 zeigen sie noch auf großflächigen und dementsprechend teuren Ständen ihre Printprodukte, und sie wirken dabei ein bißchen wie die Dinosaurier aus dem Druckerzeitalter, als hätten sie das Internet ausgedruckt und würden nun versuchen, es in gebundener Form wie sauer Bier unters Volk zu bringen.) Deutschland hinke im internationalen Vergleich weit hinterher, deshalb sei dieser Unterschied hierzulande nicht so leicht erkennbar, vor allem technisch bei der Ausstattung und bei der Netzanbindung der Schulen gebe es Nachholbedarf, aber auch was die Inhalte in den derzeitigen OER-Projekten angeht.

Ein polnisches Unternehmen also anscheinend auf der Suche nach neuen Märkten, die im eigenen Land aufgrund von OER zunehmend verloren gehen. Das Wiki-Prinzip setzt sich durch, während bei uns Lehrer sich meistens immer noch scheuen, ihre Arbeitsblätter und Unterrichtskonzepte zu veröffentlichen, oft aus Angst vor Bloßstellung durch die Kollegen, falls sich ein Fehler fände – der dann doch behoben werden könnte, woraus am Ende alle etwas lernen würden. Denn das Bessere ist der Feind des Guten, und fast alles kann man immer noch verbessern. In Deutschland konnte die besagte Firma bisher übrigens mit den „Lösungen“ nicht landen, was aber vor allem an unserer Vielstaaterei im Bildungsbereich liegt.

Weiter zu einem Anbieter juristischer Literatur, der immer noch viel drucken läßt – Loseblatt rulez, gerade in den Kanzleien wird der Ordner immer noch gepflegt, während in der Justiz jetzt doch der elektronische Rechtsverkehr und die elektronische Akte eingeführt werden sollen. Auch hier bietet man wieder „Lösungen“ an, die ganz sicherlich für den Verlag kostendeckend sein werden, aber schon für die kleine Kanzlei eine erhebliche Belastung bedeuten würden, täte man sich darauf einlassen. Mein Wunschpaket aus vier Kommentaren, zwei Zeitschriften und zwei Handbüchern würde aus diesem Hause mit fast 80 Euro pro Monat zu Buche schlagen – und wäre damit beinahe doppelt so teuer wie der Mindestbeitrag zum berufsständischen Versorgungswerk, der ja auch jedenfalls zu zahlen ist, auch wenn in dem Monat kein Gewinn entstanden sein sollte. Und der Nachsatz: „Das sind alles Netto-Preise“ läßt diese Preispolitik in keinem besseren Licht erscheinen.

Ganz sicherlich ist Digital genauso teuer wie Print, mitunter in der Herstellung sogar teurer, denn die Plattformen müssen entwickelt, betrieben und immer weiter gepflegt werden, und das kostet mehr als bloßes Drucken und Lagerhalten. Aber die Digitalisierung führt zunehmend, was die Fachinformation angeht, zu einer Verknappung von Wissen, weil es in vielen Fällen so teuer geworden ist, daß es nur noch über Bibliotheken – und dann: vor Ort, also nur auf dem Campus – zu nutzen ist. Der eigentliche Nutzen des leichteren und jederzeitigen Zugriffs auf das Wissen wird also durch die Preise der Verlage zunichte gemacht. Zumindest für die hierzulande wirklich relevanten Medien, während nur ältere ausländische Zeitschriften per Nationallizenz flächendeckend verfügbar sind. Das Land Hessen hat schon vor vier Jahren das höherwertige wissenschaftliche Angebot Hessenrecht online durch die exorbitant teurere und deutlich schlechtere „Lösung“ Juris ersetzt. Und auch das Bundessozialgericht bietet auf seiner Website nur die jeweils letzten fünf Jahre seiner Rechtsprechung im Volltext an. Sogar die Pressemitteilungen verschwinden nach einer gewissen Frist und werden ohne Grund und ohne Not „depubliziert“. Man kann nur hoffen, daß die Datenbank auf sozialgerichtsbarkeit.de lange erhalten bleibt.

Etwas frustrierend ist, daß man es an den Ständen durchgehend mit Leuten aus den Marketingabteilungen zu tun hat. Sie sind zwar alle superfreundlich, können aber im allgemeinen technische Fragen nicht beantworten. Aus der Herstellungsabteilung ist niemand vor Ort – bzw. niemand, der sich aufs Konvertieren in E-Book-Formate verstände. Stichwort: Print on demand. Ich weiß nun zwar am Ende des Tages, daß mein nächstes Buchprojekt sagenhaft günstig sein wird, mir ist aber ebenfalls klar geworden, daß die eigentlichen Probleme jetzt nicht mehr in der Finanzierung, sondern zunehmend in der Technik der Herstellung liegen werden. Gesucht ist eine endanwendertaugliche und offen standardisierte Lösung für die Herstellung von Print- und E-Books aus derselben Quelle, die es auch am Ende eines mehrjährigen Projekts noch geben wird. Bisher waren das Formate wie Open Document oder LaTeX, die auf reinem Text aufbauten. Aber über die Schwierigkeiten mit freier Software in mehreren Zielformaten zu publizieren, hatte ich schon vor ein paar Wochen erneut geschrieben. Alles ist derzeit in Bewegung, nicht nur in den Frankfurter Hallen und drumherum.

Nicht unerwähnt bleiben soll, daß der Verlag Urachhaus zum 100. Todestag im März 2014 eine kartonierte Jubiläumsausgabe der Gedichte von Christian Morgenstern in drei Bänden herausgebracht hat, die vollständig textidentisch mit der gebundenen Stuttgarter Ausgabe ist. Sie enthält also auch den Kommentar, der etwa in der Lizenzausgabe des Insel-Verlags aus dem Jahr 2003 weggelassen worden war.

Das Spiel ist aus

Es ist kühl geworden, und der Herbst setzt gelbe, braune und rote Tupfen in die Bäume. Wenige Spinnennetze. Und überall liegen Eicheln umher. Ab und an ein Pilz im Gras, und das erste welke Laub ist zu Boden gefallen.

Der kleine Elfmeterschütze läuft an, schießt und trifft ins Tor. Er hebt die Arme in die Höhe, als hätte er die ganze Welt besiegt. Der unterlegene Tormann wirkt wütend. Er läuft aus dem Tor heraus und zieht sich die Handschuhe aus, er wirft sie weg. Die kleinen Fußballer wechseln die Rollen, jetzt steht der andere im Tor, der Trainer legt erneut den Ball zurecht. Anlauf, Kick und – Tor. Applaus. Dann räumen die Zuschauereltern alles zusammen, man geht.

Das Spiel ist aus. Nur wir bleiben auf der Bank sitzen und schauen ihnen nach. Wind kommt auf.

Zuerst ein: albatros | texte, 28. September 2013.