Archiv der Kategorie: Unterwegs

Der Kellner trägt Maske

Der Weg führt am Fluss entlang, hinein in die Stadt. Die Sonne scheint, und es ist so warm, dass es fast schon wieder zuviel an Wärme ist, so schnell war der Übergang vom kalten Spätfrühling zum Sommerbeginn.

Ein Jahr, in dem so viel passiert war. Ein Jahr, in dem auch so wenig passiert war. Eine Wohnung kann groß sein, und dann auch wieder so klein.

Und jetzt nach mehr als einem halben Jahr zurück in die Stadt hinein, am Fluss entlang. Den Weg, den ich fast ein Vierteljahr lang immer wieder gegangen war.

Die Gänse am Ufer, wie vor vier Jahren, als das alles begann. Als ich wieder fliegen lernte, als ich mit anderen um die Wette ins helle Licht lief, und der Körper viel schneller war als die Seele, die erst nachkommen musste. Also innehalten und abwarten. Und weiter. Und immer weiter. Aufstehen. Aufstehen. Aufstehen.

Am Fluss entlang hinein in die Stadt. Wo sehr viel weniger passiert als damals. Beruhigung, Entschleunigung. Die große Bremse, die alles anhielt.

Eine Gruppe junger Leute, die auf dem Rasen am Ufer sitzen und sich auf Englisch unterhalten. Werden es genug Antikörper sein, wenn es darauf ankommen sollte? Die Gänse am Ufer. Die Gänse auf dem Rasen.

Eine Gruppe junger Mütter bei der Gymnastik am Fluss. Sie bilden einen Kreis, und die Kleinen in der Mitte. Und dort ist die Brücke, über die ich so oft schon gegangen war. Kaum Touristen, wo man früher so viele verschiedene Sprachen hörte.

Das Café, in dem ich so viele Stunden verbracht hatte, gibt es nicht mehr. Ausgeräumt. Stühle und Tische sind verschwunden, für immer, wie es scheint. Seelenlose Gassen, fast menschenleer. Ein Disneyland in Fachwerk. Da drüben ist der Dom. Ein älteres Paar läuft über den Platz, telefoniert gemeinsam mit lautgestelltem Handy auf Italienisch als verstände es keiner um sie herum. Sie ist auffällig blondiert, und sie hält das Gerät vor sich als wäre sie sechzig Jahre jünger, mindestens.

Nur die Sonne ist wie früher. Und werden die Antikörper dann reichen? Auch in diesem Café war ich oft. Früher immer gut besucht. Heute kaum Gäste. Der Kellner trägt Maske. Kenne ich ihn? Er langweilt sich. Er nickt. Er geht wieder hinein. Zwei Besucher sitzen draußen an Tischen in der Sonne.

Weiter zum Museum. Es hat geschlossen. Auch gegenüber. Auch der Laden, wo es die Wolldecken gibt, ist noch da, aber geschlossen. Sie hatten immer kleine Elefantenfiguren aus buntem Filz im Angebot. Heute aber nicht.

Weiter über die Straße. Links bei Tchibo läuft der Verkauf. Man wird die Behandlung bald wiederholen müssen, sonst verliert sich der Nutzen und es reicht nicht mehr. Ob das überhaupt geht?

Weiter auf der anderen Straßenseite. Die Apotheke mit einem Schild an der Tür: Today no testing. Der Handyladen: Als wäre nichts gewesen. Der Second-Hand-Laden daneben dito. Offene Türen, aber keine Kunden in den Läden.

Jetzt kommt die große Fußgängerzone. Ich schaue mich um, um mich des Orts zu versichern: Ich bin jetzt mitten in der Stadt, wo früher ganz viel eingekauft wurde. Die großen Läden haben wieder geöffnet. Die kleinen auch. Es ist ein bisschen wie bei der Müttergymnastik: Die Großen drumherum und die Kleinen in der Mitte. Riesige Schilder, auf denen ebenso riesige Rabatte angekündigt werden. Die Sparkasse. Mit Sicherheitsmann am Eingang. Hier haben sie ihn also noch. Und der große Platz, heute ohne Markt. Fahrradfahrer kreuzen meinen Weg. Ich bleibe stehen, ich weiche aus. Ob man es überhaupt wird wiederholen können, wenn es nötig sein wird? Die Rolltreppe nach unten.

Die Geschäfte unter der Erde, auf dem Weg zur S-Bahn. In allem und in allen strahlt die Angst. Warten am Bahnsteig. Viel zu lang dauert es. Es ist viel zu eng hier für die vielen Menschen. Die nächste Bahn nehme ich ganz bestimmt. Die Türen gehen auf, der Zug leert sich, ich gehe hinein, die Türen schließen sich, der Zug fährt an, fährt, fährt, fährt mit mir weg. Durch den Tunnel. Weg aus dieser fremden und leeren Welt ohne Wärme, da ist nur die Hitze am Mittag. Ich traue mich kaum zu atmen. Das ist eine Verbindung, die mich zurück zu der Wohnung bringt, aus der ich aufgebrochen war am Morgen. Mit ihr fliege ich zurück in mein vorübergehendes Leben. Die Tür geht auf, ich verlasse den Zug. Die Maske weiter aufbehalten, bis man den Bahnhof ganz verlassen hat. Ob es ausreichen wird? Und weiter nachhause.

Ich warte auf den Abend.

Der Wanderer LVI

Der leere, leere Bus zum Beispiel. Seit etwa einem Jahr haben wir in unserer Stadt ein wunderbar ausgebautes Netz mit Stadtbussen, die schnell und auf ungewohnten Wegen fahren und sich aus allen Himmelsrichtungen immer an bestimmten Stellen wieder treffen, damit man leicht umsteigen kann. Das funktionierte meistens wunderbar. Aber auf einmal will keiner mehr mit ihnen fahren. Sie sind leer.

Der öffentliche Nahverkehr boomte, bis vor ein paar Wochen. Auch der Autoverkehr hat stark nachgelassen. Parkplätze werden knapp. Die Autos stehen. Zuhause. Sie sind nicht einmal mehr für die Fahrt zur Arbeit nötig, denn die meisten hier „sind im Homeoffice“, wie es scheint. Oder freigestellt.

Das Ende der Verkehrsgesellschaft zeichnet sich ab.

Wie war das eigentlich früher, als wir noch einen Führerschein hatten. Demnächst müsste ich ihn tauschen lassen in ein neues Ausweisformat. Aber wofür? Ich fahre schon seit über zehn Jahren nicht mehr selbst, und um mich her tun es auch immer weniger. Seit dieser Zeit hat in jedem Jahrgang der Schulabgänger der Anteil derjenigen, die noch einen Führerschein haben, abgenommen.

Nicht nur das Ende der Individualmobilität zeichnet sich ab, das Ende der Mobilität überhaupt, wie man jetzt sieht. Es wird vieles klarer.

Wenn man die Berufsausübung und den Handel dermaßen einschränkt, wie es jetzt geschehen ist, wird es wahrscheinlich nicht nur Monate dauern, bis sich das wieder einspielt. Es wird in vielen Bereichen gar nicht mehr zum alten Stand zurückgehen. Etwas Neues beginnt. Erkenntnisse machen sich breit, lese ich nebenan. Die ganze Gesellschaft sortiert sich neu, denkt ihre Prozesse neu. Wie komme ich von A nach B, aber anders als bisher?

Nicht alle sind gestresst in diesen Tagen. Es ist ruhig und entspannt auf den Straßen. Der Frühling beginnt. Der Ginster blüht, auch die Kirschbäume. – Überhaupt: „Was weiß ich von Bäumen?“

Wildnis in Frankfurt und Mondrian in Wiesbaden

Die „Wildnis“, die derzeit in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt am Main gezeigt wird, ist ein gutes Beispiel dafür, was ein Kurator bitte nicht machen sollte: Wer mit der Tür ins Haus fällt und gleich im ersten Raum Thomas Struth, Gerhard Richter und Henri Rous­seau (und zwar in dieser Reihenfolge) verbrät, kann sich kaum noch steigern. Hundert Bilder, Skulpturen, Assemblagen und Videos, und es kommt kaum noch wirklich Überzeugendes mehr nach.

Die Künstlichkeit der Kunst – geschenkt – wer hätte das nicht schon gewusst, dass die Bilder „in der Werkstatt“ entstehen. Okay, am Ende kommt es dunkelrot, und wo kommt eigentlich der viele Nebel her? Aber will man das wirklich wissen?

Die Wildnis, die hier gezeigt wird, setzt um die Mitte des 19. Jahrhhunderts ein, und es ist zunächst einmal eine dokumentierte Natur. Es gab ja gerade erst eine gewisse Irritation über das Format der Reportage, und als hätten sie sich abgesprochen: Auch hier wird das Hochgebirge gefaket, und die untergehende Sonne strahlt rot, als käme sie direkt aus dem Abklingbecken der Kunstgeschichte.

Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen, aber hier ist es einfach zuviel. Man denke sechs Jahre zurück, da gabs sowas schon mal in der Schirn, die „letzten Bilder“, die ziemlich zusammenhanglos und assoziativ gelockert nebeneinander an der Wand hingen. Nichts verband sie, als dass es eben mehr oder weniger zufällig die letzten ihrer Art waren. Ganz ähnlich hier: Irgendwas mit Natur. Die längste Kegelbahn der Welt ist nicht leicht zu bespielen, aber etwas mehr Raum gelassen, und Helmut Middendorfs Electric Night käme zur Wirkung; hier aber: wie in einer Ecke abgestellt, wo gerade noch dafür Platz war. Die beiden Werke von Jean Dubuffet bleiben im Gedächtnis.

Ein gutes Gegenbeispiel für eine größtenteils geglückte Dramaturgie ist dagegen die Ausstellung zu Piet Mondria(a)n, die derzeit im Museum Wiesbaden zu sehen ist. Fast der ganze Mondrian ist in, wenn ich mich noch richtig erinnere, sieben oder acht Räumen zu sehen. Von der frühen Landschaftsmalerei zu den bekannten Kompositionen mit Rechteckmuster in den Primärfarben rot, gelb und blau – der Museumsshop verkauft dazu die passenden Brillenputztücher und Servietten, falls man das mag.

Nur bitte nicht auf die Idee kommen, die Bilder wären chronologisch gehängt – das sind sie nicht. So entgeht einem das Hin- und Herschwingen zwischen figurativen und abstrakten Malweisen zwischen These, Antithese und Synthese, auch bei den Materialien, über Jahrzehnte hinweg.

Und es hätte nicht so enden müssen. Das rote Quadrat im letzten Raum war nicht zwingend oder unvermeidlich. Es wirkt eher wie eine Form, die auf etwas wartet, das dann noch folgt.

Wildnis. Kuratorinnen: Esther Schlicht und Johanna Laub. Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main. Bis 3. Februar 2019. – Digitorial.

Piet Mondrian. Natur und Konstruktion. Kurator: Roman Zieglgänsberger. Museum Wiesbaden. Partner: Gemeente Museum, Den Haag. Bis 17. Februar 2019.

„Orkan Niklas“ im Museum Angewandt Kunst, Frankfurt am Main

Der Orkan Niklas, der europaweit für Behinderungen gesorgt hat und weiter anhält, ist auch am Museum Angewandte Kunst in Frankfurt nicht vorübergegangen. Das Museum hat auf die extreme Wetterlage reagiert und den Zugang zu seiner Sammlung sowie zu den Sonderausstellungen für Besucher, die einen sturmtauglichen Regenschirm mit sich führen, geschlossen. Die Schließfächer im Untergeschoß seien viel zu klein für so große Regenschirme, und auch eine bewachte Garderobe könne man leider nicht mehr anbieten. Auf diese sei bei den vor kurzem durchgeführten Umbauarbeiten verzichtet worden, erklärte eine Mitarbeiterin des Hauses. So zogen wir gestern unverrichteter Dinge von dannen. Wir kehren zurück, wenn die Sonne wieder scheint.

Am Abend fahren wir unterirdisch ohne Überraschungen durchs Gebirge

Aus dem Sonnenschein fahren wir ins Dunkel, erst überirdisch, dann unterirdisch, dann durchs Gebirge, das nicht so hohe, in den Nebel hinein, über allen Wipfeln, wo Ruhe sei. Alles elektrisch. Handys klingeln, Gepäckstücke werden durch den viel zu engen Raum getragen, stehen herum, Gespräche überall, Kinder rennen im Übermut durch den Wagen. Touristen steigen am Flughafen aus. Weiter zu kafkaesken Welten. Zehn Gleise, aber wo ist das zehnte? Am Ende ist alles genau da, wo es die Pläne schon vorher verzeichnet hatten. Alles wie erwartet. Beruhigend und trivial zugleich. Zum Abend wird es dunkel. Keine Überraschungen. Nirgends.

Der Igel

Der Igel fiel mir auf, als ich die Straße entlang ging. Erst lief er unter das geparkte dunkle Auto, dann aber weiter, darunter hindurch und quer über den Fußweg, direkt auf das niedrige Tor zu. Als ich mich immer mehr näherte, nahm er kurz Maß und lief dann mit voller Geschwindigkeit zu dem Tor, machte sich so schlank es ging und schlüpfte unter dem Tor hindurch, von mir weg. Das dürfte ihm nicht leicht gefallen sein, er kam gerade noch so hindurch und brachte sich vor mir, dem gefährlichen Menschen, in Sicherheit in Richtung Rasen und dann hinüber zur Hecke, unter der er kurz darauf wieder verschwand.

Zuerst in: albatros|texte, 19. Juni 2014