Archiv der Kategorie: Unterwegs

Henry Moore

Unter den wenigen Werken, die die Kunsthalle Mannheim während der Sanierung noch zeigt, hat mich Henry Moores Krieger mit Schild in meiner Traurigkeit bei weitem am meisten angerührt. Der verwundete, zum Torso reduzierte Mann, der da lebensgroß vor mir saß. In der sich selbst schützenden Haltung erstarrt, führt er längst schon einen ganz anderen Kampf gegen einen unsichtbaren Gegner, dem er sich nicht zuwendet, vielmehr schaut er mich an, dabei kraftvoll, trotz des enormen Verlusts, sein ihm verbliebener rechter Arm hält den Schild und läßt keine weitere Verletzung zu. Sein früheres Leben ist noch ahnbar. Was ihm geblieben ist, ist vor allem sein großer, mächtiger Körper, der sich zwar neigt, dabei aber aufrecht bleibt. Er leidet stolz, trotz seines Untergangs, er bleibt auch in dieser Lage männlich, ohne tumb zu wirken. Die Gefahr droht von allen Seiten. Vereinnahmt mich nicht, ich sorge für mich zuerst, wie es mir jetzt geht. Ein anrührendes Pathos, das man, wie ich meine, aus dem ursprünglichen historischen Kontext lösen und neu verstehen kann. Es ist eine Skulptur, die heute durchaus für die vielen Ausgeschlossenen stehen kann, denen nur verbleibt, sich zu schützen und vor dem noch Schlimmeren zu schützen, weil ein Weitergehen nicht mehr absehbar ist, alle Wege verschlossen oder für sie ungangbar geworden sind. So halten sie sich den Schild schützend vor die Brust und schauen, sitzend, aus leeren Augen in die Ferne. Wohin.

Werbeanzeigen

Antennen ausfahren

Weil es ein ganz alter Zug ist auf dieser Strecke. Ich fahre sie zum ersten Mal, deshalb werde ich überrascht: Die Sonne scheint von links in den Wagen herein. Wald und Felder mit kräftigen Farben in der Mitte des Jahres ziehen vor dem Fenster vorbei. Schau mal, da hinten, rechts, kaum zu sehen, schon wieder verschwunden hinter anderen Gebäuden: Das alte Atomkraftwerk. Und sie haben hier tatsächlich noch Antennen auf den Dächern ihrer Häuser. Ausgefahren, auf Empfang, im ganzen Ort, soweit man vom Bahnhof aus blicken kann. Die Antennen prägen mein Bild von dem Städtchen, das die Bahn zwar anfährt, aber nur, um in die andere Welt zurückzukehren, in der es solche Antennen schon ganz lange nicht mehr gibt. Vielleicht war es überhaupt nur hier möglich, ein Atomkraftwerk zu bauen und so lange zu betreiben, wo sie bis heute solche Antennen haben.

Der Wanderer XXX

Ich bin in ein Abteil geraten, das von einer Psychologenfamilie belegt worden ist. Gegenüber sitzt die Mutter, sie liest ein schon älteres Buch von Elke Heidenreich. Neben ihr die noch schulpflichtige Tochter, die zwischen ihrem Handy und einem Buch schwankt. Und rechts von mir der Vater, ein Subnotebook auf dem Schoß, zwischen Firefox und Adobe Reader immer wieder wechselnd, die Tabs kann man gar nicht zählen, zwischen so vielen Papers schaltet er hin und her, die ganze Fahrt hinweg, sie sprengen das Fenster des kleinen Bildschirms, Wirtschaftspsychologie, darunter auch ein englischer Wikipedia-Artikel, Trial and error, was mich, auf der Heimfahrt vom Camp, doch auch ein bißchen stolz macht. Im iPod Keith Jarrett, The Köln Concert, später Entertainment for the Braindead. Der Zug war pünktlich, ich kann mich nicht beklagen. Als ich genau zu dem Zeitpunkt, der auf meiner Fahrkarte steht, aussteige, weise ich nach einem Blick auf die Anzeige am Abteil die anderen Fahrgäste darauf hin, daß mein Sitzplatz nun frei geworden sei, es war nicht der schlechteste, aber sie stehen lieber weiter auf dem Gang des völlig überfüllten Zuges, der noch bis nach Stuttgart fahren wird.

Der Deserteur

Als wollte sich die S-Bahn gegen zuviel Zudringlichkeit wehren, leuchtet an ihrer Stirnseite grellgelb der Schriftzug „Nicht einsteigen“, obwohl der Zug weit draußen, außerhalb des Bahnhofs, frei abgestellt worden ist, kein Fahrgast nähert sich hier den Wagen, und doch wirkt die Szene, etwa eine Dreiviertelstunde nach Sonnenuntergang, als sei der Zug eigenwillig geworden, als verweigere er sich der Benutzung, seines Daseins als Bahn, als sei er übergelaufen zu den Klügeren, die sich in der Distanz wohler fühlen und die sich dem Funktionieren verweigern, weil nur das Funktionslose, so hieß es doch wohl, unersetzbar ist.