Archiv der Kategorie: Wirtschaft

Gesetzliches Verbot von AdBlockern?

Ziemlich unbemerkt bereiten die Bundes- und die Länderregierungen in Deutschland offenbar ein Verbot von AdBlockern vor. So scheint es zumindest, wenn man den Bericht der „Bund-Länder-Kommission zur Medienkonvergenz“ liest, der vorgestern veröffentlicht wurde. Deren „AG Kartellrecht/Vielfaltsicherung“ kam auf Seite 21f. zu dem Ergebnis:

„Die AG sieht das Geschäftsmodell von Ad-Blockern als rechtlich und mit Blick auf die Refinanzierung journalistisch-redaktioneller Angebote auch medienpolitisch als problematisch an. Sie hält daher die Prüfung gesetzlicher Regelungen für erforderlich. … Bei der Thematik Ad-Blocker ist eine zeitnahe Prüfung durch den Bund und die Länder erforderlich, ob im Hinblick auf die wirtschaftlichen Auswirkungen und damit verbundenen medienpolitischen Risiken ggf. eine gesetzliche Flankierung geboten ist.“

Auffällig ist, daß sich die Kommission nur mit den Interessen der Werbewirtschaft und der Verlage sowie des Rundfunks beschäftigt hat. Es ist nicht ersichtlich, ob auch Datenschützer beteiligt worden sind.

Bei der letzten re:publica hatten Frank Rieger und Thorsten Schröder zudem darauf hingewiesen, daß von Online-Werbung ein erhebliches Sicherheitsrisiko ausgehe. Die Inhalte würden nicht von den Werbetreibenden geprüft und könnten Malware enthalten. Sie empfahlen deshalb die Verwendung von AdBlockern zusätzlich zu sonstigen Vorkehrungen, um das eigene System bei der Nutzung des Internets zu schützen.

Das Hans-Bredow-Institut kam gerade zu dem Ergebnis, daß derzeit ein Viertel der Internetnutzer in Deutschland AdBlocker verwende. Unter den jüngeren Nutzern sei es etwa die Hälfte. Mehr als die Hälfte empfinde Online-Werbung außerdem als „lästig“.

(via Privacy-Handbuch)

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Nachdenken über Sci Hub

Auf der Mailingliste Inetbib ist am Wochenende ein Beitrag über Sci Hub aus Archivalia kontrovers diskutiert worden. Klaus Graf hatte darin der derzeitigen Stand zum Verhältnis von Fernleihe und Open Access zusammengefaßt und dabei auch Portale einbezogen, die weitergehen, als nur Open-Access-Papiere im Rahmen der jeweiligen Lizenz weiterzuverteilen. Repositorien gibt es viele. Sci Hub bietet, wenn ich es richtig verstanden habe, so gut wie alles an, was im Format PDF daherkommt und nicht bei drei auf den Bäumen ist, ohne sich dabei um das Urheberrecht der Autoren und die davon abgeleiteten Verwertungsrechte von Verlagen zu kümmern.

Die Fernleihe, die von den Verlegern immer wieder gern gegen die Zeitschriftenkrise angeführt wird, sei, so Klaus Graf in seinem Beitrag, zumindest in ihrer nordamerikanischen Spielart ILL, nicht attraktiv genug und könne das Unvermögen der chronisch unterfinanzierten Bibliotheken, die Informationsflut zu den Lesern zu bringen, langfristig nicht ausgleichen. Zudem würde sie hierzulande subventioniert – das seien Kosten, die man genaugenommen mit einbeziehen müsse, wenn man ausrechne, wieviel Open Access den Steuerzahler letztlich koste. Wenn alle Wissenschaft Open Access wäre, entfielen auch diese Kosten, und allen wäre gedient. Bis es aber soweit sei, so könnte man es auf den Punkt bringen, müsse man wohl mit grauen Portalen wie Sci Hub leben. Und: Mit Sci Hub ist es wie mit dem Leben: Genießen wir es, solange es geht.

So dauerte es dann auch nicht lange, bis ein Listenteilnehmer den Vorwurf erhob, das sei im Grunde genommen eine Aufforderung, massenhaft Rechtsbruch zu begehen. Er genieße an seinem Leben, dass er aufrecht gehen kann und sich nicht wie ein Dieb wegschleichen müsse. Dagegen erhob sich substantiierter Widerspruch, zumal der damit angegriffene Blogpost mehrfach die Unrechtmäßigkeit der diversen Schattenbibliotheken betont.

Man kann die Diskussion als eine Fallstudie lesen, sowohl auf die Lage der Literaturversorgung als auch auf die Entwicklung des Netzes.

Die vorgenannten Kommentare liefen auf einer Mailingliste ein, der größten bibliothekarischen Liste im deutschsprachigen Raum zwar, aber auf einer Liste, die doch sehr viel enger daherkommt als die Öffentlichkeit, die die Archivalia finden – das Blog ist darüberhinaus für viele lesenswert, auch abseits der Bibliotheksszene. Es gab Widerspruch, aber nicht im Web 2.0, also in den Blogkommentaren, sondern in dem alten Medium der Mailingliste, in deren Archiv man das also nachlesen kann. Und zwar, weil der Blogpost von seinem Autor auch dort angekündigt worden war. Darin wird die fortwährende Fragmentierung der Datennetze deutlich. Zwar hatte Geert Lovink schon 2008, auf dem Höhepunkt des Blog-Booms, in seinem „Berliner“ Buch Zero Comments das Ausbleiben der Kommentare bemerkt. Sie sind aber auch nicht an einen neuen Ort „umgezogen“. Diskutiert wird in Diskutiermedien, und das sind weiterhin Mailinglisten. Jede Nachricht wird an die Teilnehmer persönlich versandt und zugestellt. Twitter spielte bei der Verbreitung des Posts eine gewisse Rolle, so gelangte der Beitrag auf Rivva; dort werden bisher aber nur drei Blogs erwähnt, die das Thema aufgegriffen haben – auch bei ihnen wurde bisher nicht kommentiert.

Man kann diese Diskussionsmüdigkeit im Web 2.0 mit mehreren Trends in Beziehung bringen: mit dem Ekel vor dem Netz im Zuge der Snowden-Affäre, aber auch mit dem allgemeinen Rückzug aus dem Netz infolge der Shitstorms, der Online-Kampagnen und der sonstigen nervtötenden Begleiterscheinungen. Die Blütezeiten des Netzes sind vorbei. Das Pendel schwingt in die andere Richtung, und die Gruppen der Intensivnutzer und der Zurückhaltenden scheiden sich immer deutlicher.

Zum anderen greift Archivalia aber auch einen sehr wesentlichen Trend auf, den man aufmerksam beobachten sollte. Denn Portale wie Sci Hub, von einer Studentin gegründet, und sonstige schwarze Kanäle verweisen auf die Einstellung der Menschen zum Recht.

Wenn es heißt, Sci Hub sei unrechtmäßig, so ist das wahrscheinlich richtig. Aber diese Wertung trifft auf eine Generation, der die Quellen, aus denen sie schöpft, egal geworden sind – und zwar gerade auch im Angesicht der allgemeinen Überwachung. Es wäre aus technischer Sicht überhaupt kein Problem, sie zu stellen, das hat man bei der Verfolgung der Software- und Musik-„Piraterie“ gesehen. Aber vielleicht wird es dazu bei der Literaturversorgung gar nicht kommen, denn die Verlage rudern ja schon lange zurück, etwa indem das „harte DRM“ bei E-Books zunehmend fallengelassen und durch bloße Wasserzeichen ersetzt wird. Den Rest besorgte bei der Musik der Übergang von Download zu Streaming. Dazu wird es auch hier immer mehr kommen. Gerade deswegen muten ja der PDF- und EPUB-Download bei der Onleihe und der Versuch des Marketings der Süddeutschen Zeitung so retro an, im Zuge ihrer Panama-Papers-Kampagne Abonnenten für ihr E-Paper zu gewinnen. Der direkte Zugriff auf Daten aus dem Web und die Flatrate sind die Zukunft, und zwar nicht die Flatrate für eine Zeitung oder Zeitschrift, sondern für so etwas wie Sci Hub, wo man alles aus einer Quelle bekommt. So wie man ja auch bei Google irgendwie alles finden kann. So nehmen die meisten Menschen eben das Internet wahr: Alles aus einer Hand. Verteilte Lösungen schwinden, zentralisierte wachsen. Ein Paradoxon im fragmentierten Netz mit seinen fragmentierten Öffentlichkeiten. Am Ende finden sie sich alle an einen Knoten im Netz wieder. Im Bibliothekswesen überschneidet sich das mit der Erzählung von der Bibliothek von Babel, die am Ende die ganze Welt ist. Und wenn die Verlage das nicht von sich aus einsehen und sich für die Vermarktung zusammentun, werden die Benutzer das eben ganz pragmatisch auf andere Weise herbeiführen.

Am Ende wurde die Pirate Bay kommerzialisiert und aus dem Reich der Schattenwirtschaft ins helle Licht geführt – bevor sie schließlich aus dem allgemeinen Bewußtsein verschwand. Heute kennt sie keiner mehr. So wird es auch mit Sci Hub und Co. kommen. Bloß die Fernleihe, die wird es ganz sicherlich auch neben der normalen Ausleihe und dem Verkauf von Texten weiterhin geben, und das würde ich doch auch hoffen.

Denn eine Welt mit 100-prozentigem Open Access ist wahrscheinlich nicht erreichbar. Und das liegt einfach daran, daß es mehr Prestige mit sich bringt, bei einem externen Verlag zu publizieren als auf dem OA-Server der universitätseigenen Unibibliothek. Nur der Dritte kann die Gewähr dafür bieten, daß der Autor und sein Text ausgewählt worden sind, dort zu erscheinen. Auch wenn das Lektorat mittlerweile vielfach ausfällt: Do-it-yourself und Selfpublishing werden nicht für alle Zwecke und auch nicht für alle Fächer eine gangbare Lösung sein. Bei den Juristen wird jedenfalls weiter ganz viel gedruckt. Es ist kein Zufall, daß sich die Konstanzer Juristen gerade gegen eine Verpflichtung zur Zweitveröffentlichung ihrer Texte gewandt haben. Und auch dieser Bedarf will weiterhin über Bibliotheken verteilt sein. Nur sie können sowohl eine Infrastruktur für proprietäre als auch für offene Medien organisieren und betreiben. Mit der Fernleihe auch ortsübergreifend.

Ob das eine billiger als das andere sein wird, ist am Ende übrigens geschenkt, denn beides wird nebeneinander bestehen. Das Verlagsprodukt wird man ebensowenig verdrängen können wie den Open Access. Die Autoren wie die Benutzer haben sich darauf eingestellt.

E-Book und Book-Book II

Sozusagen im Vorprogramm der Leipziger Buchmesse hat sich Birgit Zimmermann für die Nachrichtenagentur DPA mit dem Abklingen des E-Book-Hypes beschäftigt (via VÖBBLOG).

Zur Erinnerung: Der Hype-Zyklus nach Gartner beschreibt den Verlauf der öffentlichen Aufmerksamkeit für ein neues, innovatives Produkt: Die Kurve beginnt bei den early adopters, steigt dann steil an, bis sie den Gipfel der überzogenen Erwartungen erreicht hat, fällt bis auf ein absolutes Minimum und steigt dann, wenn die late adopters, also der Massenmarkt, endlich aufspringen, auf ein realistisches Niveau, auf dem sich die Nutzung des Guts stabilisiert. Entweder ist es bis dahin akzeptiert worden, oder es verschwindet wieder vom Markt, weil bis dahin allgemein bekannt geworden ist, daß es keinen zusätzlichen Nutzen gegenüber den ursprünglich geweckten Erwartungen bietet.

So ist es auch mit den E-Books gekommen. Der Börsenverein beziffert die Umsätze mit den Buch-Substituten im Zeitraum 2010 bis heute zwischen 0,5 und 4,5 Prozent vom Gesamtmarkt, nimmt davon aber Fach- und Schulbücher sowie Selfpublisher und Abo-Modelle aus. Wenn man diese einbezieht, gelangen die Verlage auf „niedrig zweistellige“ Umsatzanteile – im Vergleich zu einem Viertel in den USA. Als Hauptgrund für diesen Unterschied wird vor allem die Buchpreisbindung genannt, die auch weiterhin für ein dichtes Netz an Buchhandlungen in Deutschland sorge. Außerdem die schöne Ausstattung der Bücher hierzulande.

Das ist eine interessante Wasserstandsmeldung, denn sie deckt sich nicht mit meinem Eindruck als S-Bahn-Fahrer, wo in den letzten Jahren die E-Book-Reader und die Tablets, auf denen unterwegs sehr oft E-Books gelesen werden, zugenommen haben. Die gebrauchten Tablets, übrigens, denn wer möchte schon ein Gerät, das so teuer wie ein billiger Laptop ist, im öffentlichen Nahverkehr, abends gar, offen in der Hand halten, wenn er unterwegs ist. Und der billige Reader taugt nicht lang, wie man hört. Das E-Book – das wäre ein weiteres Monitum an dem Bericht – ist nicht nur zur Urlaubszeit in der Breite angekommen, sondern ganz offensichtlich ganzjährig. Nutzung und Absatz sind eben zwei Paar Schuhe.

„Berührt – Verführt. Werbekampagnen, die Geschichte machten“ im Museum für Kommunikation, Frankfurt am Main

Der Titel der Ausstellung über „die populärsten und erfolgreichsten Werbekampagnen von der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart“ in Deutschland erinnert an eine Regel des Schachspiels: Berührt – geführt – wer eine eigene Figur absichtlich berührt, muß mit ihr auch ziehen. Wird der Rezipient, der von einer Werbung berührt wird, also mit einer gewissen Notwendigkeit verführt? Skepsis ist angezeigt.

Zu sehen sind sowohl historisch bedeutsame Beiträge als auch bekannte Motive, an die man sich gerne wieder erinnern wird. Kurios etwa die erste Kampagne im Nachkriegsdeutschland „Lumpen her! Wir schaffen Kleider“, mit der für die Weiterverarbeitung alter „Lumpen“ zu neuen Kleidungsstücken geworben wurde. Dies inmitten von lauter Ware „in Friedensqualität“ – nicht nur die alten Nazis, auch die bekannten Waschmittel waren in dieser Zeit bald „wieder da“, und sie strahlten blütenweiß, natürlich. Neu war uns die Kampagne des Vereins Die WAAGE e.V., wenn man so will: einem frühen Vorläufer der „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ in den 1950er und 1960er Jahren. Sie führte Kampagnen durch, um die Wähler daran zu erinnern, daß die „Soziale Marktwirtschaft“ auf Ludwig Erhard und nicht etwa auf die SPD zurückgehe. Dann wird die Ausstellung kommerzieller und konzentriert sich auf die „großen Kampagnen“ – die Drei-Wetter-Taft-Frau, deren „Frisur sitzt“, oder den Camel-Mann oder die Schock-Werbung von Benetton. Punktuell wird ihnen aber auch die politische Plakatkunst von Klaus Staeck oder die Pardon-Persiflage der Jägermeister-Serie zur Seite gestellt. Zahlreiche historische Exponate stammen aus der breit angelegten Sammlung von Richard Grübling.

Das Museum für Kommunikation feiert sie noch einmal: Die Werbung in drei Erscheinungsformen der Massenmedien, dem Werbespot, der ganzseitigen Anzeige in der Zeitung und dem Plakat, die ja gerade im Verschwinden sind. In den Zeiten der Filter Bubble und der zielgenauen Plazierung von Werbung in sozialen Netzwerken und Suchmaschinen gibt es die große Kampagne für die Massen schon lange nicht mehr. Das Verschwinden des linearen Fernsehprogramms tut ein übriges. Die Ausnahme bestätigt die Regel, z. B. beim amerikanischen Super Bowl, wo traditionell die Werbezeit besonders hoch dotiert ist und große Spots wie Apples 1984 noch lange in Erinnerung bleiben. Die Werbung, von der die großen Internet-Konzerne leben, ist mittlerweile dem Tode geweiht durch die AdBlocker, Reader-Stylesheets im Webbrowser und sonstige technische Gegen-Aufrüstung der Benutzer. Werbespots verbreiten sich heutzutage „viral“ über die sozialen Netzwerke. Das jüngste Beispiel dafür war gerade der Spot Heimkommen von Edeka, der zu Weihnachten 2015 vor allem über YouTube und Soundcloud bekannt wurde. Aus den Netzwerken entsteht eine kritische Masse, die noch in der Lage ist, eine Wahrnehmung zu erzeugen. Die legendäre Pose von Frau Sommer mit der „Krönung“ am sonntäglichen Kaffeetisch stammte tatsächlich aus einer anderen Welt.

So kann man die Ausstellung des MFK vor allem lesen als einen Abgesang sowie als Nachruf nicht nur auf die Werbung der alten Bundesrepublik (und übrigens am Rande auch der DDR), sondern generell auf die Werbung alten Stils, wie wir sie von früher her kannten und wie sie nie mehr sein wird – auch und gerade wenn in den Spots an der Hintergrund-Säule gegen Ende der Schau „Kreative“ aus den Agenturen genau das Gegenteil behaupten. Sie sollten es eigentlich besser wissen:

Berührt – Verführt. Werbekampagnen, die Geschichte machten. Museum für Kommunikation, Frankfurt am Main. Kuratorenteam: Katja Weber, Richard Grübling, Helmut Gogarten, Nassrin Sadeghi. Noch bis 28. August 2016.

Das Vertrauen zu Google

Das Ausmaß der Manipulation, die von den Suchmaschinen ausgeht, zeigt eine Studie, die die amerikanische PR-Firma Edelman gerade veröffentlich hat.

Quartz zufolge glauben die Teilnehmer der Studie einer Nachrichten-Schlagzeile in Google News mehr als derselben Schlagzeile auf einer Nachrichten-Website. Diese Schere habe sich 2013 geöffnet. Unter 33000 Teilnehmern an der Untersuchung aus 28 Ländern hätten 63 Prozent erklärt, sie „vertrauten Suchmaschinen“. Das wird nur noch getoppt von Nachrichten, die man von Freunden erhält (78 Prozent). Wissenschaftler halten dagegen nur 65 Prozent für vertrauenswürdig. Am Ende stehen Journalisten mit 44 Prozent – also Journalisten, deren Beiträge die Leute nicht bei Google News lesen.

Die Unterschiede in den Vertrauensniveaus bei der Mediennutzung werden in der Studie in einem Zusammenhang mit dem Einkommen und den Zukunftserwartungen der Nutzer gesehen. Sie seien ein Zeichen zunehmender Ungleichheit in der Gesellschaft. Die Unterschiede bei der Wahrnehmung der Medien zeige eine sich vergrößernde Kluft zwischen der „informierten Öffentlichkeit“ und der allgemeinen Bevölkerung, die sich seit dem Beginn der Finanzkrise im Jahr 2007 kaum verändert habe. Diese Kluft sei am größten in den USA, in Frankreich und in Indien. Die größte Einkommensungleichheit – jeweils zweistellig – gebe es in den USA, in Frankreich und in Brasilien. Unter diesen Umständen vertraue man am ehesten „einer Person wie man selbst“.

Der Beitrag problematisiert das Ergebnis nicht, sondern meint, dies sei ein Zeichen für das „Marketing-Können“ von Google, das den amerikanischen Suchmaschinen-Markt zu 64 Prozent bediene. Er läßt auch viele weitere Punkte unerwähnt.

Der Text bei Quartz läßt leider auch offen, ob man der Studie selbst trauen kann, über die dort berichtet wird. Sie hat mich bisher nur über Online-Medien erreicht, und „online only“ vertrauen dort nur knapp die Hälfte der Befragten, 53 Prozent (via Newsletter von socialmediawatchblog.org).

Ein Gegenentwurf

In einem Interview mit Studierenden der FH Groningen hat Geert Lovink seine Kritik an den kommerziellen sozialen Netzwerken erläutert. Grundlage ist sein Buch Das halbwegs Soziale aus dem Jahr 2012.

Lovink hält die alternativen sozialen Netzwerke, die es seit etwa fünf Jahren gibt – Lorea, Diaspora, Friendica, Crabgrass und andere –, für utopische Skizzen, in denen Künstler, Aktivisten und Programmierer versuchen, gemeinsam, durch den Aufbau von Netzwerken, die Gesellschaft zu verändern. Geändert habe sich zwischenzeitlich aber wohl vor allem, was man einen Seitenwechsel nennt. Wer heute die Seiten wechsele, gehe nicht zu den großen Wirtschaftskonzernen, die stillschweigend akzeptiert seien, sondern zur NSA. Insoweit beunruhigt ihn der konzeptuelle Stillstand von Linux und vielen Projekten der Freien Software, abgesehen von Ubuntu. Positiv bewertet er dagegen das zunehmende Interesse an Verschlüsselungstechnik und an der Anonymisierung mit dem Dienst Tor.

Veränderungen hält Lovink weiterhin für möglich. Das Internet sei immer noch eine sehr fließende Umgebung, Nutzerwechsel wie seinerzeit, als sie MySpace oder StudiVZ sehr schnell und in Scharen verließen, wären weiterhin möglich. Er sieht aber auch, daß Veränderungen beim Nutzerverhalten heutzutage eher Nebensächlichkeiten betreffen; so etwa, wenn Facebook-Nutzer den Messenger wählen, statt ihr Profil upzudaten. Die Gegenwart der sozialen Netzwerke sei eher durch etwas geprägt, was er the techno-subconcious nennt: Das Ziel seiner Kritik liege darin, den Social-Media-Konsens und die lähmenden Routinen der Menschen infrage zu stellen. Im den Cafés, in den öffentlichen Verkehrsmitteln, auf der Straße oder am Flughafen sieht man sie in Massen: Menschen, die in einen Aufzug treten und ihr Smartphone herausnehmen, um darauf zu blicken.

Lovink ordnet diese Trends in einen größeren Rahmen ein. Er habe noch zu einer Generation gehört, die für dezentrale Netzwerke, für ein offenes und freies Internet eingetreten sei, bei dem der Benutzer nicht nur ein Konsument irgendeines Produkts sein würde. In diesen Verlust an gesellschaftlicher und politischer Teilhabe durch das Netz reiht er schließlich auch den Rückgang der Autoren bei Wikipedia ein.