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Gesundheitsökonomik und soziale Frage

Bei meiner Erkundung von Facebook stieß ich an der Pinnwand der Diabetes-Gruppe auf die Frage einer Wirtschafts-Studentin, die sich danach erkundigte, wieviel man bereit wäre, für eine Insulinpumpe zu zahlen, wenn man keine Krankenversicherung hätte? Bekanntlich stellen Ökonomen immer die falschen Fragen, wie Kurt Tucholsky in seinem „Kurzen Abriß der Nationalökonomie“ bereits ausgeführt hatte. Ich schrieb dort also am 27., 28. und 29. Oktober 2009:

Alyssa, in Germany insulin pumps are provided by public and private health insurance companies provided certain conditions are met (you have to demonstrate that you have been able to treat your diabetes with insulin pens for awhile by presenting your diabetes diary). AFAIK, there is no additonal charge that would keep you from using a pump. Over 90% of Germans are members of public health insurance which provides everything that is necessary for treating the disease. This is also true for the poor and for the unemployed. So the question how much you would pay for a pump is all but impossible to say because it is completely hypothetical.

Auf Nachfrage: „Thank you for the responses. completely hypothetical is what I am looking for. …“. Sie weiß also durchaus, daß ihre Frage mit der sozialen Wirklichkeit nicht viel zu tun hat.

Alyssa, I think the point is not what I would be willing to pay, but rather what I would be able to pay for an insulin pump. This makes a great difference, depending on your income etc. And then, you don’t switch from pens to a pump for fun, it’s rather a necessity. A pump will be chosen instead of a pen, e.g., if you suffer from high glucose levels at dawn that cannot be lowered otherwise.

So I would differentiate between two scenarios if I had no medical coverage: (1) If I was rich, I would pay for what I need. Period. I cannot say an exact sum of money because I have no idea what it would take to buy or lease an insulin pump for the rest of my life. It would be an investment in my health. (2) If I was poor and I could not afford it, although I needed a pump for medical reasons, the question, again, would be „completely hypothetical“. In this case a pump would just not be available to me.

BTW, the new continuous glucose meters that have become available lately are another case in point. It’s just the same with them. Health insurers pay for them only if there is a medical indication….

Daraufhin wandte man aus den USA ein: „Not free in the U.S.! You either pay for insurance and hope it is covered or pay out of pocket but anyone who wants one could get one. I’ve been on pens my whole life and very well controlled. I wouldn’t, at this point pay $5,000 plus supplies for a pump even though we could afford it. If my health started to deteriorate, I would consider it only because we could find the money but for those who can barely afford insulin it wouldn’t even be an option.“

There is one more thing you might like to consider, Alyssa. As I already mentioned, insulin pumps are not bought in this country, but they are leased for some years by a public health insurer. I would like to dwell on this point because it is important in economic terms, too. It means that if the pump you get fails it will be replaced with no additional fee by the manufacturer within a day or so. There is a guarantee that a replacement will be avilable for some years (as long as the contract runs). OTOH, I understand that patients cannot easily switch from one pump to another.

Barb makes an important point, I think. I understand that health insurance in the U.S. is very bad. I just do not understand that people do not seem to care very much about this situation, considering the recent protests against Obama’s plans to introduce some kind of public health insurance as we know it in Europe.

If you can „barely afford insulin“ a pump is indeed a piece of luxury. What’s more, I have been told at the hospital that we use different sorts of insulin (insulin analogs) in Europe that are a bit more expensive than what is used in the U.S. as a standard therapy. This makes life so much easier. It is also employed in pumps. I think it would be a first step to have patients supplied with up-to-date insulins in the first place.

Das wissenschaftliche Schrifttum III

Die Diskussion zum rechtswissenschaftlichen Schrifttum, insbesondere zu Open Access, in der beck-community geht weiter. Am 14. Oktober 2009 schrieb dort Herr Prof. Dr. Henning Ernst Müller, er „leide … überhaupt nicht an fehlender Fachliteratur“; sein Problem sei vielmehr die Redundanz im Schrifttum. Ihm antwortete ich:

Das glaube ich Ihnen gern, denn Sie sitzen an der Uni ja sozusagen an der (steuerfinanzierten) Quelle, während die große Masse der juristisch interessierten Öffentlichkeit davon zunehmend ausgeschlossen sein wird. Die Umstellung von Print auf Online wird nicht zur Verbilligung der Literatur führen, sondern im Gegenteil alles noch viel, viel teurer und exklusiver machen, ohne daß die Qualität zunimmt.

Wenn man OA fordert, dient dies außerdem nicht nur zur Verbilligung des Zugangs, sondern, wie ich schon ausgeführt hatte, ist das nur der erste Schritt. Unabdingbar ist es, die Zitier- und Verlagskartelle ebenfalls aufzubrechen und der Unsitte ein Ende zu bereiten, wonach beispielsweise bankenrechtliche Zeitschriften von Professoren und Richtern herausgegeben werden, die ihr Leben dem Wohlergehen von Banken gewidmet haben und die deshalb Meinungen nicht dulden, die ihnen nicht in den Kram passen. Aber das ist nur ein Beispiel. Solche hochproblematischen Strukturen finden Sie in allen Bereichen unseres Schrifttums. Der OA-Gedanke enthält deshalb immer auch einen politischen Impuls in Richtung Emanzipation von Machtstrukturen, an denen die Verlage verdienen und die die bestehenden Verhältnisse nur bewahren wollen, statt über sie kritisch aufzuklären, was ja der einzige akzeptable Zweck von Wissenschaft ist.

Übrigens habe ich aus Ihren Beiträgen nicht den Eindruck gewonnen, daß Sie sich mit solchen Fragen bisher vertieft auseinandergesetzt haben.

Das wissenschaftliche Schrifttum II

Die Diskussion zum rechtswissenschaftlichen Schrifttum in der beck-community geht weiter. Am 6. und 7. Oktober 2009 schrieb ich dort:

Die Vorteile der Arbeit mit Online-Quellen in allen Ehren. Ganz sicherlich ist es ein großer Fortschritt, wenn man auf ganze Bibliotheken zugreifen kann, ohne sich auch nur einen Meter von seinem Schreibtisch wegbewegen zu müssen. Dieser Vorteil greift aber nur, wenn es sich dabei tatsächlich um Open-Access-Quellen handelt. Proprietäre Angebote scheiden aus, weil wir ja schon jetzt total überzogene Preisvorstellungen für Dienste wie Beck Online oder Juris finden. Gerade im Fall von Juris handelt es sich um einen wirklichen Skandal, denn diese Datenbanken waren ja ursprünglich mithilfe von Steuergeldern aufgebaut worden und werden heute zu Preisen angeboten, die sich kaum ein kleiner Einzelanwalt noch neben seiner übrigen Literatur leisten kann. Auch der Verkauf einzelner Aufsätze etwa aus Zeitschriften des Mohr Siebeck Verlags erfolgt zu veritablen Mondpreisen.

Wirklich brauchbar finde ich für mein Fachgebiet dagegen http://www.sozialgerichtsbarkeit.de , die vor allem jetzt schon sehr viel weiter zurückreicht als die Urteilssammlung auf der Website des Bundessozialgerichts und die auch die Rechtsprechung der Instanzgerichte sammelt. Beim BSG findet man schon jetzt Urteile nicht mehr, die während meiner Promotion ergingen, was zeigt, wie kurzlebig das Angebot geraten ist.

Langfristig sollte jedes Gericht alle seine Entscheidungen auf der eigenen Website im Volltext online stellen.

Ein Zitat mit Aktenzeichen und Verkündungsdatum wird langfristig Fundstellen aus Zeitschriften oder gedruckten Entscheidungssammlungen ablösen.

Und auch zu dem Problem der Unterdrückung von verlagsfremden Publikationen, das ich angesprochen hatte, hätte ich gerne noch eine Anmerkung gemacht. Aufgrund meines Einwurfes hatte ich Nachrichten erhalten, wonach auch andere Verlage genauso vorgehen wie wir es hier für den C.H.Beck Verlag diskutiert hatten. Ich denke, es ist an den Autoren, sich hiergegen zu wenden und diejenigen Quellen zu zitieren, die sie für maßgeblich halten. Was natürlich nichts hilft, wenn etwa die Redaktion der NJW oder der JuS wieder nur die NZM und nicht mehr, wie früher noch, die Parallelfundstellen in WuM oder ZMR nachweist. Auch dies wird sich nur grundlegend ändern, wenn Urteile, aber auch andere Veröffentlichungen, langfristig per Open Access greifbar sind, so daß wir uns unmittelbar auf die Website des jeweiligen Gerichts beziehen können, wenn man eine Entscheidung zitiert.

Was meines Erachtens wirklich fehlt, wäre ein freies Portal, auf dem jeder Autor unabhängig vom Wohlwollen eines Verlags oder von irgendwelchen Seilschaften in einem Herausgeberkreis wissenschaftliche Arbeiten veröffentlichen kann, unter einer freien Lizenz, ohne weitere Kosten und in einer Form, so daß sie auch von jedem gefunden werden können.

[…] Ein weiterer großer Vorteil möglichst freier Strukturen beim Publizieren wäre, daß man Plagiaten und dem sich Schmücken mit fremden Federn wirksam entgegenwirken könnte, weil dann jeder unbefangen seine Ergebnisse veröffentlichen könnte und jederzeit nachvollziehbar wäre, wer welche Ideen zum ersten Mal öffentlich geäußert hatte. Je mehr Transparenz und je niedriger die Schwelle für eine Veröffentlichung, desto besser.

[Nochmals zu Juris:] […] Juris ist ein Musterbeispiel dafür, daß Verlust (in der Anfangsphase) sozialisiert und Gewinne (heute) privatisiert werden. Die Firma läuft profitabel. Und wenn es um die Waffengleichheit geht, dann gilt diese nicht nur unter Kollegen, sondern auch zwischen Anwaltschaft und Justiz. Schon längst werden in Urteilen mehr oder weniger gedankenlos, vielfach wahrscheinlich auch in Zeitnot, Entscheidungen nach Juris zitiert, ohne zu prüfen, ob diese überhaupt für Nicht-Juris-Nutzer frei zur Verfügung stehen. Das Nachsehen hat in jedem Fall der Bürger, ob juristisch sachverständig oder nicht, spielt keine Rolle.

Das wissenschaftliche Schrifttum

Wer es noch nicht bemerkt haben sollte: Der C.H.Beck Verlag läßt schon lange keine verlagsfremden Zeitschriften, Kommentare etc. mehr zitieren, sondern hält seine Autoren dazu an, verlagseigene Produkte als Belege anzuführen. So verschwand beispielsweise die „Wohnungswirtschaft und Mietrecht“ (WuM) fast vollständig aus den Beckschen Kommentaren und wurde durch Fundstellen aus der „Neuen Zeitschrift für Miet- und Wohnungsrecht“ (NZM) ersetzt, der Münchener Kommentar geht vor Staudinger, Schmidt/Futterer vor Sternel usw. Sehr, sehr schade, weil einseitig und in höchstem Maße schädlich für den wissenschaftlichen Betrieb. […] Die Wissenschafts- und die Meinungsfreiheit unterliegt vielen faktischen Beschränkungen. Wir diskutieren eine davon.

Zuerst veröffentlicht in einer Diskussion in der beck-community am 3. und 4. Oktober 2009. Bin sehr gespannt, ob der Beitrag dort stehengelassen wird. – Vgl. zum ganzen: Thomas Henne, Die Prägung des Juristen durch die Kommentarliteratur – Zu Form und Methode einer juristischen Diskursmethode, Vortrag bei einer Tagung der Friedrich Ebert Stiftung, Berlin, 2. Juni 2006, in: „Betrifft Justiz“, 2006, 352 ff. [1].