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Das wissenschaftliche Schrifttum II

Die Diskussion zum rechtswissenschaftlichen Schrifttum in der beck-community geht weiter. Am 6. und 7. Oktober 2009 schrieb ich dort:

Die Vorteile der Arbeit mit Online-Quellen in allen Ehren. Ganz sicherlich ist es ein großer Fortschritt, wenn man auf ganze Bibliotheken zugreifen kann, ohne sich auch nur einen Meter von seinem Schreibtisch wegbewegen zu müssen. Dieser Vorteil greift aber nur, wenn es sich dabei tatsächlich um Open-Access-Quellen handelt. Proprietäre Angebote scheiden aus, weil wir ja schon jetzt total überzogene Preisvorstellungen für Dienste wie Beck Online oder Juris finden. Gerade im Fall von Juris handelt es sich um einen wirklichen Skandal, denn diese Datenbanken waren ja ursprünglich mithilfe von Steuergeldern aufgebaut worden und werden heute zu Preisen angeboten, die sich kaum ein kleiner Einzelanwalt noch neben seiner übrigen Literatur leisten kann. Auch der Verkauf einzelner Aufsätze etwa aus Zeitschriften des Mohr Siebeck Verlags erfolgt zu veritablen Mondpreisen.

Wirklich brauchbar finde ich für mein Fachgebiet dagegen http://www.sozialgerichtsbarkeit.de , die vor allem jetzt schon sehr viel weiter zurückreicht als die Urteilssammlung auf der Website des Bundessozialgerichts und die auch die Rechtsprechung der Instanzgerichte sammelt. Beim BSG findet man schon jetzt Urteile nicht mehr, die während meiner Promotion ergingen, was zeigt, wie kurzlebig das Angebot geraten ist.

Langfristig sollte jedes Gericht alle seine Entscheidungen auf der eigenen Website im Volltext online stellen.

Ein Zitat mit Aktenzeichen und Verkündungsdatum wird langfristig Fundstellen aus Zeitschriften oder gedruckten Entscheidungssammlungen ablösen.

Und auch zu dem Problem der Unterdrückung von verlagsfremden Publikationen, das ich angesprochen hatte, hätte ich gerne noch eine Anmerkung gemacht. Aufgrund meines Einwurfes hatte ich Nachrichten erhalten, wonach auch andere Verlage genauso vorgehen wie wir es hier für den C.H.Beck Verlag diskutiert hatten. Ich denke, es ist an den Autoren, sich hiergegen zu wenden und diejenigen Quellen zu zitieren, die sie für maßgeblich halten. Was natürlich nichts hilft, wenn etwa die Redaktion der NJW oder der JuS wieder nur die NZM und nicht mehr, wie früher noch, die Parallelfundstellen in WuM oder ZMR nachweist. Auch dies wird sich nur grundlegend ändern, wenn Urteile, aber auch andere Veröffentlichungen, langfristig per Open Access greifbar sind, so daß wir uns unmittelbar auf die Website des jeweiligen Gerichts beziehen können, wenn man eine Entscheidung zitiert.

Was meines Erachtens wirklich fehlt, wäre ein freies Portal, auf dem jeder Autor unabhängig vom Wohlwollen eines Verlags oder von irgendwelchen Seilschaften in einem Herausgeberkreis wissenschaftliche Arbeiten veröffentlichen kann, unter einer freien Lizenz, ohne weitere Kosten und in einer Form, so daß sie auch von jedem gefunden werden können.

[…] Ein weiterer großer Vorteil möglichst freier Strukturen beim Publizieren wäre, daß man Plagiaten und dem sich Schmücken mit fremden Federn wirksam entgegenwirken könnte, weil dann jeder unbefangen seine Ergebnisse veröffentlichen könnte und jederzeit nachvollziehbar wäre, wer welche Ideen zum ersten Mal öffentlich geäußert hatte. Je mehr Transparenz und je niedriger die Schwelle für eine Veröffentlichung, desto besser.

[Nochmals zu Juris:] […] Juris ist ein Musterbeispiel dafür, daß Verlust (in der Anfangsphase) sozialisiert und Gewinne (heute) privatisiert werden. Die Firma läuft profitabel. Und wenn es um die Waffengleichheit geht, dann gilt diese nicht nur unter Kollegen, sondern auch zwischen Anwaltschaft und Justiz. Schon längst werden in Urteilen mehr oder weniger gedankenlos, vielfach wahrscheinlich auch in Zeitnot, Entscheidungen nach Juris zitiert, ohne zu prüfen, ob diese überhaupt für Nicht-Juris-Nutzer frei zur Verfügung stehen. Das Nachsehen hat in jedem Fall der Bürger, ob juristisch sachverständig oder nicht, spielt keine Rolle.

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Das wissenschaftliche Schrifttum

Wer es noch nicht bemerkt haben sollte: Der C.H.Beck Verlag läßt schon lange keine verlagsfremden Zeitschriften, Kommentare etc. mehr zitieren, sondern hält seine Autoren dazu an, verlagseigene Produkte als Belege anzuführen. So verschwand beispielsweise die „Wohnungswirtschaft und Mietrecht“ (WuM) fast vollständig aus den Beckschen Kommentaren und wurde durch Fundstellen aus der „Neuen Zeitschrift für Miet- und Wohnungsrecht“ (NZM) ersetzt, der Münchener Kommentar geht vor Staudinger, Schmidt/Futterer vor Sternel usw. Sehr, sehr schade, weil einseitig und in höchstem Maße schädlich für den wissenschaftlichen Betrieb. […] Die Wissenschafts- und die Meinungsfreiheit unterliegt vielen faktischen Beschränkungen. Wir diskutieren eine davon.

Zuerst veröffentlicht in einer Diskussion in der beck-community am 3. und 4. Oktober 2009. Bin sehr gespannt, ob der Beitrag dort stehengelassen wird. – Vgl. zum ganzen: Thomas Henne, Die Prägung des Juristen durch die Kommentarliteratur – Zu Form und Methode einer juristischen Diskursmethode, Vortrag bei einer Tagung der Friedrich Ebert Stiftung, Berlin, 2. Juni 2006, in: „Betrifft Justiz“, 2006, 352 ff. [1].