schneeschmelze | texte

wenn der weiße schnee, der alles bedeckt hat, schmilzt, erscheint die welt wieder, wie sie ist, nicht: wie sie war

Kategorie: Zauberberg

Der Nullvektor

Wer nach etwa einem Vierteljahr vom Zauberberg zurückkehrt zu jenen unten im Tal, findet eine etwas andere Szene vor als diejenige, die er verlassen hatte. Der zeitweilige Rückzug nach innen als Reaktion auf eine Phase mit sehr viel Außen ist durchaus notwendig und nährend. Das Trommeln und das Zittern treffen auf tiefe Stille und immer noch lauten Nach-Hall, der langsam ausläuft und zum Ruhepunkt drängt, obwohl der nicht ganz ruhen soll.

Was fällt auf? Einige Notizen:

In eineinhalb Wochen ist Bundestagswahl, und die Gesellschaft ist immens politisch geworden. Aber das Politische hat für die meisten nichts mehr zu tun mit Parlamenten oder Politikern, sondern es beginnt bei einem selbst. Wer beispielsweise etwas für den Schutz von Tieren unternehmen möchte, würde nicht ernsthaft argumentieren, dazu eine bestimmte Partei zu wählen. Schon die Vorstellung, es gebe einen Zusammenhang zwischen dem Wahlakt und einem bestimmten, konkreten Erfolg in der Wirklichkeit, erscheint derzeit eher wie ein Wahn, zumindest sehr abwegig. Wer etwas für Tiere tun möchte, bestellt sich das vegetarische Essen, besser noch: vegan. Das Politische findet nicht mehr repräsentativ in weiter Ferne statt, sondern es passiert hier und jetzt, wo wir es machen – oder eben gar nicht.

Denn alles legt sich selbst lahm, das System blockiert sich selbst, weil die Player sich selbst ebenso wie gegenseitig behindern. Eine starke Hemmung lähmt den Diskurs in den Medien. Gründe dafür sind nicht erkennbar. So wird die Politik zu einem einzigen großen Nullvektor. Das ist der eigentliche Grund für die schwindende Legitimität der Demokratie: Ihre Un-wirk-lichkeit ist keine Frage von checks and balances mehr, es gibt eher zuviel davon, und Impulse für eine inhaltliche Entwicklung fehlen ganz oder kommen nicht in die Gänge. Ein Land, in dem die Beschaffung zweier Liegesessel für eine psychosomatische Klinik nur mit dem vereinten und kontinuierlichen Einsatz aller Beschäftigten über einen Zeitraum von fünf Jahren möglich ist, hat fertig, weiß offenbar schon lange nicht mehr, wozu es eigentlich da ist und wo es hin will und wozu das alles überhaupt. Verhinderung und Beharren sind wichtiger geworden als das Tun. Schlichte Verwaltung scheint das wichtigste geworden zu sein. Entwicklung ist nahezu ausgeschlossen, und Gelder, die bereits bewilligt sind, können nicht abgerufen werden, weil die Verwaltung nicht hinterher kommt.

So wird auch das Wählen selbst schon zu einer Art Bilanzselbstmord, zumindest eine Bankrotterklärung, denn keiner derjenigen, die sich dazu anbieten, wären noch in der Lage, über ihren eigenen Schatten zu springen – was doch das mindeste wäre, um wirklich voran zu kommen. Nur die kleinsten Parteien, ausgefiltert von Prozenthürden und Schikanen, sprechen noch über Veränderung in die Zukunft hinein, die großen wollen entweder zurück, um die Vergangenheit einfach weiter zu schreiben, oder sie kommen gar nicht erst vom Fleck. Der politische Diskurs ist zum Geschwätz von Marketing-Leuten verkommen, die sich Plakate ausdenken und Sprüche als ginge es um irgendwelche Wegwerfprodukte wie andere mehr. Politik als Konsum. Kauf statt Mitbestimmung. Und folglich die Konsumverweigerung als letzte mögliche Chance, so etwas wie Kontrolle zu erleben. Der Nichtwähler als der eigentliche Wähler, der, wie Bartleby, lieber nicht teilhat an einer Farce, bei der schon lange die Minderheit über die Mehrheit herrscht – obwohl das Gegenteil der Fall sein sollte. Dieser Widerspruch ist nicht heilbar.

Politik als Nullvektor, also. Das Nichtstun als das eigentliche Tun. Diese Bundestagswahl ist sozusagen das Tao der Politik geworden.

Oder ist es ganz anders? Antje Schrupp hatte schon im Januar von den BIG ULGLY FIVE geschrieben, und die Diskussion in ihrem Blog dauert weiter an. Auch für sie stellen sich die Dinge ganz ähnlich dar: Keine Partei kann sie wirklich überzeugen. Also: Wählen, um den Anteil der Rechtsextremisten am Ergebnis so gering wie möglich zu halten. Ein ehrenwertes Ziel, sicherlich, und so werde ich es am Ende auch halten, aber es ändert eben am ganzen nichts. Und das sollte man deshalb im Auge behalten.

Die Lage ist völlig verfahren. Was fehlt, sind Spielräume. Und über sie wäre in einem deliberativen Verfahren zu beraten. Das aber würde einen echten Diskurs voraussetzen, keine Schlacht der Waschpulververkäufer und keine Kandidaten, die nur deren Parolen auswendig lernen und live im Fernsehen aufsagen. Die Abwesenheit von Politik kann nur durch die Neuerfindung der Politik behoben werden. Wenn wir aber gegen den rechten Rand und die Feinde der Demokratie stimmen, statt für die Politik, schwächt das die Demokratie, wie es in Frankreich schon lange der Fall ist, wo ja auch ganz viele in der zweiten Runde der Präsidentschaftswahlen nicht gegen den FN stimmen wollten, was nur möglich gewesen wäre, indem sie ihre Stimme einem Neoliberalen Macron gegeben hätten, der sich seine eigene Partei zudem gleich mitbrachte.

Politik muß ein Vektor sein, muß in Bewegung sein, muß auch Impulse aufnehmen und produktiv verarbeiten können, um die Gesellschaft voran bringen zu können. Muß selbst ein Teil der Gesellschaft sein. Darf nicht länger den Begriff der Reform diskreditieren als eine Richtung, die nur nach unten führt, zum Abbau von Strukturen und Leistungen, sondern zur Solidarität und zum Aufbau hin.

Politik muß ein Trotzdem sein, wie es zum Beispiel beim Bestellen eines vegetarischen Gerichts sich zeigt. Und kein Weiter so, sondern ein Weiter!

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Abstieg vom Zauberberg

Beim Abstieg vom Zauberberg wird deutlich, daß der Weg abwärts mitunter beschwerlicher ist als die sprichwörtlichen Mühen der Ebene. Es kann mitunter notwendig werden, ein Zwischenlager einzurichten und eine Pause einzulegen, um danach weiter voranzukommen, vielleicht auch noch weitere Zwischenlager und mehr Pausen als abschätzbar waren. Ohne ein gutes Thermometer und eine warme Decke ist das kaum zu bewerkstelligen. Die Erfahrung macht sich bezahlt.

Wirklich anfangen

Etwas auslesen, zuende lesen, das gibt es nicht online. Ohne Ende, ohne Zahl. Immer ein weiterer Click ist möglich. Der Feedreader, die Timeline füllen sich immer wieder, und der Hypertext endet nie. Fragmentiert, muß man ihn sich zusammensetzen, zersplittert, zusammensuchen, montieren, konstruieren, rekonstruieren, dekonstruieren. Machen.

Irgendwie fängt man an und wurschtelt sich durch, stochert im Nebel herum, immer weiter. Wie in einem unendlich langen Behördenflur verliert man bald die Orientierung und läuft immer weiter an den immer gleichen Türen vorbei, ohne zu wissen, wo man jetzt gerade ist. Blättern geht zwar, bildschirmweise, aber die Paginierung ist nicht verbindlich, ist nicht vergleichbar, das ist nur bei mir so, bei anderen kann es ganz anders aussehen.

Die Gutenbergbibel machte es erstmals möglich, sich in Klöstern in verschiedenen Ländern Europas über ein und denselben Text zu verständigen, indem man sich auf die Seitenzahl bezog. Das ging bei Handschriften noch nicht, sie mußten abgeschrieben werden, waren Einzelstücke. Auf allen Seiten einer gedruckten Bibel derselben Auflage stand genau derselbe Text. Und heute? Man kann zwar immer noch blättern, aber die Seite als typographisch definierter Raum ist in den Webbrowsern und in den E-Book-Readern wieder abhandengekommen. Alles fließt, je nach Schriftgröße, Zeilenabstand, Fenstergröße. Geblieben ist die Randnummer, die Absatznummer, vielleicht.

Dabei ist die Orientierung im Text gleich mit verlorengegangen. Ein Text wie ein Behördenflur. Das Vorankommen im Text: dasselbe. Es gibt immer wieder einen Abweg, einen Umweg, man klickt sich weiter, ruft zusätzliche Informationen auf, wird abgelenkt durch die Bedienung der Technik, durch andere Programme, die andere Texte einwerfen, hinwerfen. Hingeworfenes. Definitionen, Subtexte, Hypertexte. Dabei geht der eigentliche Text unter. Nur das gedruckte Buch bietet ihn, weil es nur diesen Text enthält. Alles weitere ist Lesen, ist Denken, Menschenwerk.

Das lineare Lesen ist einfach, daher erholsam im Vergleich zum Hypertextlesen. Nur im linearen Lesen teilt sich ein Autor wirklich mit, lese ich wirklich einen anderen Autor und nur ihn. Und es führt am Ende auch zu einem Ende, zu einem richtigen Ende, auf der letzten Seite, die es so sonst gar nicht mehr gibt. Die man uns gestohlen hat mit der Digitalisierung. Mit dem Internet, das kein Ende kennt, in dem man immer weiterklicken und -surfen kann. Eine Welt ohne Ende: Fluch und Irrweg.

Eine kritische Theorie der Digitalisierung muß beim Aufhören anfangen. Bei der Abschaffung des Aufhörens. Bei der Abschaffung des Sendeschluß. Nicht nur beim Internet stehenbleiben. Muß fragen, warum nichts mehr abgeschaltet wird, warum es immer weiterläuft, warum die Pausenfilme aus dem Fernsehen verschwunden sind. Warum das Ausschalten durch Standby und Reboot ersetzt wurden. Warum das Ende verlorengegangen ist und wie man es wiederfinden könnte. Und was das alles bedeutet. Eine kritische Theorie der Digitalisierung muß sich auf die Suche machen nach dem verlorenen Ende, muß danach fragen, warum seitdem nichts mehr aufhört. Und wie man das Ende wieder finden könnte, denn das Ende ist gesund, ist lebensnotwendig. Ohne ein Ende ist alles nichts. Wer nicht aufhören kann, der kann auch nicht wirklich anfangen.

Der Wanderer LII

Dreizehn Grad im Januar und Dämmerung. Sie nennen es Transfer. Über den Fluß, über die große Straße über den anderen Fluß, hinter den sieben Bergen liegt die kleine Stadt. Schnelle Reiter auf dem Weg überholen den Kutscher mit den dreizehn Eseln. Wolken zerteilt von einem Meer von Riesen, getrieben von einem nicht endenden Strom, der heimwärts weist. Taghell, doch kein Sonnenstrahl. Das Tor stand offen, als ich kam und als ich ging. Der weiche Hügel zeigt nach Süden. Odysseus und Medea auf der Hochzeitsreise zum Schafott. Elektrisch endet alles und stirbt auch immer ein bißchen mehr. Schlechter als je. Deutlicher denn je erweist sich der Weg als Problem, wo sich alles teilt, ohne Rücksicht, ohne Sinn. Allison Crowe im iPod. Und meine Traurigkeit zerreißt den Himmel.

Der Wanderer LI

…die vielen Zettel vom Stapel nehmen und ablegen, einen nach dem anderen, und ordnen, immer wieder, bis am Ende keiner mehr übrig ist, und lochen und abheften, bis es keine Zettel mehr gibt, und die Belege darunter… buchen, ja, buchen, und die Buchungen prüfen, und die Buchungen dann alle zusammenrechnen oder abziehen, je nachdem, wie war das nochmal, und die Zettel, die man nicht mehr gebrauchen kann, wegwerfen oder in den Aktenvernichter schieben, und die Schnipsel, in die der Aktenvernichter sie verarbeitet, wegwerfen, und die Aufsätze darunter aufheben und abheften und katalogisieren, damit man sie wiederfindet, wenn man sie braucht, carefully sorted, analysed, catalogued, einscannen und wohler fühlen und weg damit in die Datei, auf die Festplatte, auf den USB-Stick, auf die Fensterbank ins Körbchen, wo die Büroklammerndose steht, gleich daneben, wo der zweite Stapel sitzt, der ebenfalls aus ganz vielen Zetteln…

Abschied von den Eltern IV

Die Anzeige und die Danksagung hängen nicht mehr an der Pinwand, als ich in das Haus hereinkomme. Wieder scheint die Sonne warm in die Wohnung herein. Zum letzten Mal höre ich die Klingel und öffne. Durch Flur und Zimmer gehen, zum Fenster mit dem schönen weiten Blick nach Süden auf die Stadt. „Gebrauchsspuren“ bleiben zurück, heißt es im Protokoll. Und Putzmittel und ein Besen. Das sind alle Schlüssel, die ich habe. Die ich hatte. Zahlen. Notizen. Unterschriften auf der Fensterbank. Das weitere Procedere. Die Tür fällt ins Schloß. Sie wird nicht abgeschlossen, als wir gehen. Merkwürdig. Die Fußmatte bleibt liegen. Eine letzte Fahrt im Aufzug nach unten. Einmal noch die Treppe. Der Briefkasten, ohne Schild zurückgelassen. Verwische die Spuren. Die Tür am Eingang fährt automatisch auf und zu. Eine große und unerwartete Erleichterung, bevor ich mich endlich der wirklich letzten Wohnung zuwenden kann. Auch Letztes geht zuende. Ist zuende gegangen. Und doch nicht ganz. Und doch nicht.