Archiv der Kategorie: Zitat

Der Wanderer LX

Zum Beispiel weil das alles bisher nicht für möglich gehalten wurde. Von den Soziologen war schon einmal an anderer Stelle die Rede. Nach Heinz Bude im Deutschlandfunk nun also Armin Nassehi im Spiegel (nicht frei im Netz verfügbar).

Noch zu Weihnachten hatte Nassehi in der „Welt“ über die Zeit zwischen den Jahren ein Loblied auf die Ruhe geschrieben:

In der Tat – alle Systeme außer den absolut lebenswichtigen wie Energie- und Krankenversorgung oder andere Notdienste werden heruntergefahren. Wenigstens das öffentliche Leben wird bis an seine Grenze bradykard. Der Gesellschaftskreislauf wird so weit wie möglich reduziert, und es gelingt tatsächlich für kurze Zeit, dass alles langsamer und ereignisloser wird – zumindest in den öffentlichen Räumen.

Diesen Gedanken hat er weiterentwickelt. Im Gegensatz zu Weihnachten ist das, was wir gerade erleben, nämlich kein kulturell determinierter „Ausnahmezustand“, sondern ein staatlich erzwungener. Und er funktioniere letzten Endes nur deshalb, weil er eine Ausnahme bleibe und auch weil selbst aus soziologischer Sicht mitgedacht werden müsse, dass es das eigentlich gar nicht geben dürfe:

Interessanterweise passiert gerade etwas, von dem wir Soziologen immer gesagt haben: Das geht nicht. In unseren komplexen Gesellschaften sei so etwas wie Durchregieren unmöglich, haben wir in den vergangenen Jahrzehnten geglaubt. Auch wenn sich das viele Menschen immer wieder gewünscht haben, nicht zuletzt Politiker. Dass es nicht möglich war, ist für mich sogar eine der größten zivilisatorischen Errungenschaften der Moderne – die großen Katastrophen der Moderne waren Katastrophen, in denen gewaltsam durchregiert wurde.

Eben. Und freilich ist es eine lang andauernde Ausnahme, deren Ende ebensowenig absehbar ist wie die Verhältnisse danach.

TeX lebt im Bibliothekswesen

Dear TeXers,

Summer with its conferences is upon us. I am writing this text after a full day at the Joint Conference on Digital Libraries at Fort Worth, TX. As befits JCDL, at registration we were given the proceedings volume in digital form. By the way, I’ve run pdfinfo on the files and found out that of 102 papers presented there, 68 were typeset in TeX. I think the rumors of the imminent demise of TeX in the academic world are somewhat exaggerated. […]

Boris Veytsman, TeX Announce Mailing List, 7. Juni 2018.

Die rechte Buchmesse

In Halle 4.2 gab es gestern auf der Frankfurter Buchmesse üble Szenen: Auf einer Veranstaltung eines neurechten Verlags traten Vertreter von rechten Parteien und sonstigen Gruppierungen auf; Demonstranten störten die Veranstaltung, so dass diese abgebrochen wurde; und dann kam es nicht nur zu Wortgefechten und Spruchchören gegeneinander, sondern auch zu Handgreiflichkeiten. Die Polizei stellte sich zwischen die beiden Gruppen; es heißt aber auch, sie hätte sich geweigert, Strafanzeigen gegen rechte Gewalttäter aufzunehmen und deren Personalien aufzunehmen. Der Direktor der Buchmesse Jürgen Boos mitten in dem Trubel, auf einem Video auf Twitter war zu sehen, wie ihm ein Megaphon von dem Veranstalter des Podiums weggeschlagen wurde, so dass er nicht sprechen konnte.

Abends um 22 Uhr schob er gemeinsam mit dem Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels Alexander Skipis ein windelweiches Statement hinterher, man wende sich gegen jede Form von Gewalt, weil sie dem Austausch von politischen Positionen entgegenstehe.

Heute morgen gab es dazu vor allem drei Reaktionen:

Enno Park verglich die Pressemitteilung der Buchmesse auf Twitter mit den selbstentblößenden Aussagen, die gerade aus Amerika zu hören waren:

Wie Trump nach Charlottesville.

Der Deutschlandfunk-Büchermarkt-Redakteur Jan Drees bloggt und spricht einen Kommentar, der größtenteils aus einem Zitat aus einer Neuerscheinung zum Thema besteht, das endet:

„…Und irgendwann werdet ihr natürlich auch auf Nazis stoßen. Da könnt ihr gerne weggucken, eure Sache. Aber verkauft uns das dann bitte nicht als ‚deutsche Geschichte‘. Aus der kann man doch die Verbrechen der Deutschen nicht einfach abziehen wie einen unbequemen Bilanzposten.…“

Und Margarete Stokowski entwirft im taz-Buchmesseblog eine alternative Pressemitteilung, die sie gerne gelesen hätte:

„Die Frankfurter Buchmesse lebt von der Vielfalt der Meinungen und ist ein Ort des freien Dialogs. Das ist die unveränderliche Haltung der Frankfurter Buchmesse und des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Wir haben in der Vergangenheit und auch in diesem Jahr versucht, dieser Haltung zu entsprechen, in dem wir auch Aussteller der Neuen Rechten auf dem Messegelände zugelassen haben, und gehofft, damit einen freien Dialog zu befördern. Dies erscheint uns angesichts der aktuellen Lage nicht mehr aussichtsreich. Nun, da es auf mehreren Veranstaltungen von Verlagen der Neuen Rechten zu Handgreiflichkeiten kam, haben wir uns entschieden, ein klares Zeichen zu setzen. Wir werden in Zukunft keine Aussteller mehr zulassen, die dem Milieu der Neuen Rechten zuzurechnen sind. Die Frankfurter Buchmesse soll eine Veranstaltung sein, auf der Hass keinen Platz findet – auch im wörtlichen Sinne. Für Vielfalt einzustehen bedeutet nicht, allen Positionen Raum zu geben, auch wenn sie menschenfeindlich sind. Vielfalt muss vor denjenigen geschützt werden, die sie bedrohen. Hier auf dem Messegelände treffen 7.150 Aussteller aus 106 Ländern auf rund 278.000 Besucher und 10.000 akkreditierte Journalisten. Sie alle sollen sich sicher sein, dass die Frankfurter Buchmesse kein Ort für Rassismus und völkisches Denken ist, sondern ein Raum für freien Austausch. Wir wünschen allen Verletzten eine baldige Genesung und werden in Zukunft alles in unserer Macht Stehende tun, um gewalttätige Auseindersetzungen auf der Frankfurter Buchmesse zu vermeiden.“

Und wer hat gestern abend über all das direkt berichtet? Die Frankfurter Rundschau war vor Ort und der Hessische Rundfunk auch, beide brachten Beiträge mit mehreren Updates, gut recherchiert, denn hier wurde nachgefragt und nicht einfach nur alles mögliche von Twitter übernommen, was da so herumschwirrte. Der hr übernahm den Beitrag auch als Aufmacher auf dem Buchmesse-Portal der ARD. Bloß die Tagesschau berichtete nicht: In der 20-Uhr-Ausgabe, zwei Stunden nach dem Ereignis – kein Wort darüber. Und auch die in Bücherfragen sonst so rührige FAZ beließ es bei einer dpa-Meldung und ein paar Fotos aus dem Ticker. Deutschlandradio Kultur brachte eine eigene Meldung in den Kulturnachrichten.

Es gibt nicht viele Medien, wo samstagsabends noch ein Redakteur zu finden und auch willens ist, etwas über solche Einschnitte zu bringen. Man merkt aber auch, dass hier zwei Spielarten des Journalismus aufeinanderstoßen. Man kann über die Welt da draußen schreiben oder sich selbst zu einem bloßen Teil der Inszenierung eines Events machen. Es lohnt sich, auch insoweit wählerischer zu sein beim eigenen Medienkonsum. Und natürlich auch bei der Frage, wen man auf eine solche Messe einlädt und dort gewähren lässt.

Der Graben ist tiefer geworden

Günter Hack denkt resümierend über die Verschiebungen der letzten Jahrzehnte nach. Wie beziehen sich Gesellschaften bei ihrer Entwicklung aufeinander? Gibt es zwischen ihnen eine Art „Rangordnung“ – fortschrittlichere, die vorangehen, und Nachahmer oder late adopters? Welche Trends sind zu erkennen?

Dank Netz gibt es keine Alpha-Gesellschaften mehr, die gesamtgesellschaftliche Trends für ‚den Rest der westlichen Welt‘ vorwegnehmen. Es gibt nur noch Länder, in denen das neue Apple-Gadget schneller ausgeliefert wird als in anderen. Das ist vielleicht die letzte echte Rangordnung, aber auch sie sagt wenig aus.

Und: „Im Kalten Krieg orientierte sich die bundesdeutsche Politik wesentlich stärker an den angloamerikanischen Ländern als heute. Es war auch praktisch, schon mal sehen zu können, was funktioniert und was nicht. Das geht heute aus mehreren Gründen nicht mehr, was zuweilen den Eindruck von Orientierungslosigkeit und Beliebigkeit beim Betrachter hinterlässt. … irgendwas hat sich da gegabelt, auseinanderentwickelt, desynchronisiert

Könnte man so sehen. – Es ist paradox: Je näher sich die Gesellschaften durch Globalisierung und Digitalisierung gekommen sind, desto mehr entfremden sie sich voneinander. Das Recht tut ein übriges: Was dem einen sein „Recht auf Vergessenwerden“, ist dem anderen „Zensur“. Die Gräben sind tiefer geworden.

Nachtrag, 3. April 2015: Constanze Kurz weist auf netzpolitik.org auf den Beitrag in der Charlemagne-Kolumne des Economist vom 4. April 2015 hin, der zu einem ganz ähnlichen Ergebnis kommt: „Yet the transatlantic data divide will not close soon.“

Sich informieren V

Um eine Reihe von Beiträgen wieder aufzunehmen: Das sicherheitspolitik-blog, das am Frankfurter Lehrstuhl von Christopher Daase geschrieben wird, berichtet kompetent über jede Menge Fragen aus dem Politikfeld Internationale Beziehungen und Organisationen. Die Autoren sind Politologen des Lehrstuhls, teils Mitarbeiter der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung. Dort liest man unter anderem, daß Jihadisten „Kuriere mit USB-Sticks„ einsetzten, „die Daten von nicht ans Internet angeschlossenen Rechnern zu anderen nicht ans Internet angeschlossenen Rechnern transportieren.“ Soviel zum Thema Vorratsdatenspeicherung. Die Beiträge des Blogs werden auch auf dem Publikationsserver der UB Frankfurt eingestellt und sind daher z. B. über BASE zu finden.

Die Reihe wird fortgesetzt.

Die Schrift wird zum Leben II

Der Perlentaucher verlinkte gestern einen Text von Arno Widmann über Heinrich von Kleists „Berliner Abendblätter, 1810–11“. Widmann schreibt: „Wer heute auf die ‚Berliner Abendblätter‘ zurückschaut, der sieht, dass sie ein Blog waren – vor der Erfindung, ja vor der Möglichkeit des Blogs. Kleist war freilich klug genug zu wissen, dass sein Blog nur erfolgreich sein konnte, wenn er ihn öffnete für Trivialitäten. Er wusste, dass nicht alles zu einem Artikel geformt werden muss. Die bloße Aufzählung von Ereignissen, der wortgetreue Abdruck eines Verhörs beflügelt die Fantasie eines Lesers manchmal mächtiger als die flammendste Rede. Kleist hat in den Berliner Abendblättern erbarmungslos nachgedruckt aus anderen Zeitungen, er hat jeden Tag eine kleine Welt zusammengestellt aus den Welten, die ihm zugänglich waren. Das reizte ihn, das machte ihm Spaß.“ Wie uns ja auch, deshalb dies lange Zitat. Auch Kleist, also, ein Blogger. Natürlich. Widmann findet ein Faksimile auf archive.org – man wähle PDF, die EPUB-Version läßt sich mit Calibre nicht öffnen.

Zuerst bei albatros | texte, 28. März 2015.