Wutbürger to go

von schneeschmelze

Wolfgang Michal hat sich bei Carta gefragt, warum die neueren sozialen Bewegungen so kurzatmig sind. Er hat acht Gründe ausgemacht, die einer längeren Formierung des Protests entgegenstehen, und meint zum Ende: „Die älteren, stabileren Protestbewegungen positionierten sich stärker (und optimistischer) als Gegenmodelle bzw. alternative Lebensformen, während die kurzatmigen Empörungsbewegungen von heute nur ihre momentane Unzufriedenheit ‚ausleben‘ und sich weniger über langfristige Gesellschaftsentwürfe definieren. Ohne solche Gegenentwürfe fehlt den Empörten aber der Haltegriff …, der sie davor bewahrt, mit der nächsten Empörungswelle ins Meer der Gleichgültigkeit zurückgerissen zu werden.“

Volle Zustimmung. Aber grundlegend scheint mir doch zu sein, daß „die Empörten“ gar keine längere Dauer ihrer Bewegungen haben möchten. Ich glaube, das Interesse an größeren Gesellschaftsentwürfen hat insgesamt abgenommen, man fühlt sich ganz wohl damit, wieder auseinanderzugehen, wenn die Kampagne vorbei ist. Es gibt auch kein gemeinsames Lebensgefühl zwischen den „Wutbürgern“: Jeder kann sich dem anschließen, von den Linken bis zu den evangelischen Posaunenchören haben sie vor dem Stuttgarter Bahnhof demonstriert. So eine Allianz ist von vornherein rein sachbezogen und hat notwendigerweise weder ein gemeinsames Milieu zur Grundlage noch eine gemeinsame Zukunft vor sich. Was bleibt, ist aber die Haltung, etwas gemeinsames tun zu können und das Know-how darum, bei nächster Gelegenheit wieder so eine bunte Truppe zusammenzutrommeln. Das ist ja für sich genommen auch nicht ohne. Vor allem ist es politisch schwerer zu berechnen. Gefällt mir eigentlich ganz gut. Wenn auch die Revolution auf diese Weise (auch) nicht zustandekommen wird. 😉

Ich stimme in vielem zu, glaube aber trotzdem, der wichtigste Punkt ist, daß man politische Bewegungen weder anleiten noch planen oder sonst gestalten kann. Sie bilden sich konkret – oder eben nicht. Ich schaue derzeit mehr auf das Gute. Aus den alten politischen und gesellschaftlichen Institutionen Parteien, NGOs, Gewerkschaften, Kirchen usw. gehen überhaupt keine konstruktiven Impulse mehr hervor. Die sind mausetot. Ich bin bescheiden, und ich bin, ehrlich gesagt, froh, daß sich überhaupt noch etwas von unten tut. Diese Ansätze sind ebenfalls – im besten Sinne – bescheiden: Keine großen Entwürfe, und shitstorm-tauglich müssen sie sein. Mehr geht bis auf weiteres nicht. Früher war die Linke gespalten, heute ist die Gesellschaft insgesamt zersplittert, einschließlich der bürgerlichen Lager und der Konservativen. Deshalb ist ja auch die Idee, es könne noch so etwas wie eine „Volkspartei“ oder eine „Einheitsgewerkschaft“ geben, antiquiert und absurd. Mit anderen Worten: Wenn soziale Bewegungen sich auf ein bestimmtes Thema beschränken und relativ zügig wieder zerfallen, liegt das m.E. daran, daß eine Basis, die länger tragfähig wäre, fehlt. Beratung kann das nicht ändern, denn sie kann die Basis nicht verändern. Ich glaube auch nicht, daß die heutigen Bewegungen völlig folgenlos bleiben oder daß die früheren schlagkräftiger gewesen wären. Vergleich: Stuttgart21 vs. Wackersdorf. Lag es an den Demonstranten, daß Wackersdorf nicht zustandekam? Damals kam vieles zusammen, die Demos waren auch damals nur ein Teil des ganzen. Auch wenn das alte Lagerfeuer heute immer noch wärmt, sollte man nicht fordern, daß politischer Protest heute so wie früher funktionieren könnte.

Kommentar[1][2] bei: Carta.info. 11. März 2013.