Der Igel

Der Igel fiel mir auf, als ich die Straße entlang ging. Erst lief er unter das geparkte dunkle Auto, dann aber weiter, darunter hindurch und quer über den Fußweg, direkt auf das niedrige Tor zu. Als ich mich immer mehr näherte, nahm er kurz Maß und lief dann mit voller Geschwindigkeit zu dem Tor, machte sich so schlank es ging und schlüpfte unter dem Tor hindurch, von mir weg. Das dürfte ihm nicht leicht gefallen sein, er kam gerade noch so hindurch und brachte sich vor mir, dem gefährlichen Menschen, in Sicherheit in Richtung Rasen und dann hinüber zur Hecke, unter der er kurz darauf wieder verschwand.

Zuerst in: albatros|texte, 19. Juni 2014

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Durch das Grau hindurch

„Der Morgen graut“: Dunkelmattes Grün. Bäume vor blauweißem Himmel, und die Vögel zwitschern genauso laut wie die A3. Kraftlose Farben – und ein Buch, fast ausgelesen am Ende der Nacht – als wolle die Natur die Sinne schonen mit der spärlichen Kraft. Oder als arbeite sich die Farbe erst noch durch das Grau hindurch oder hervor, immer mehr, immer heller, bis die Sonne zu sehen ist, die dann immer wärmer strahlt, bis das Grau fast ganz weg geht und die Farben die Welt zurück erobert haben. Und das Leben.

Zuerst in albatros|texte am 10. Juni 2014.

Fahren, um zu lesen

Corey Robin fährt U-Bahn, um lesen zu können: „Here’s how I do it. After I drop off my daughter at school or summer camp, I jump on the subway. I ride the rails for three to four hours … I take nothing with me but my book and a pen. I take notes on the front and back pages of the book. If I run out of pages, I carry a little notebook with me. I never get off the train (except, occasionally, to meet my wife for lunch in Manhattan.) I have an ancient phone, so there’s no internet or desire to text, and I’m mostly underground, so there are no phone calls.“ Nun, ich schalte jedenfalls die Telefone aus und beende den E-Mail-Client.

Nochmals zu Schirrmacher

Nach und nach transportiert mein Feedreader die Nachrufe auf den ehemaligen Herausgeber und Leiter des FAZ-Feuilletons, und da fühlt man sich doch ein bißchen herausgefordert, nach meinen ersten Einschätzungen doch noch einmal nachzulegen und etwas konkreter auszuführen, was mich dazu bringt, gerade im Fall von Frank Schirrmacher einer Legendenbildung entgegenzutreten.

Einmal ganz abgesehen davon, daß bei nicht wenigen Beiträgen, die jetzt erscheinen, wohl auch die Hoffnung auf zukünftige Berateraufträge im Taunuszimmer der Frankfurter Zeitungs-Zentrale Pate gestanden haben dürfte, stellt sich die Frage, was von alledem, was Schirrmacher in den letzten Jahren in seinem Blatt und darüber hinaus inszeniert hat, bleiben wird. Dazu wäre zu klären, was das eigentlich war? Wessen haben wir da eigentlich beigewohnt über all die Jahre?

Während ihm anderenorts eine wirtschaftskritische Einstellung angedichtet worden ist, die letztlich auf die Frankfurter Schule zurückgehe (sic!), kann ich nichts dergleichen erkennen. Eher das Gegenteil, nämlich ein ausgeprägt unternehmerisches Handeln im eigenen Haus und darüber hinaus auch zum eigenen Vorteil als Autor. Denn der Switch hin zu Internet- und Computer-Themen im FAZ-Feuilleton kam zu einem Zeitpunkt, als die alten Abonnenten des Blatts wegstarben. Da ging eine Generation verloren, die treu zu ihrem Blatt gestanden und die sich für die klassischen Themen des deutschen Feuilletons begeistert hatte. Beispielhaft dafür stand die Suhrkamp-Kultur, die ja auch in Frankfurt beheimatet war. Nachdem sie infolge des Tods von Siegfried Unseld und der Berliner Phantasien seiner Witwe weitgehend in die Hauptstadt entschwunden war, war der FAZ ein Alleinstellungsmerkmal abhanden gekommen: Das Feuilleton als Dreh- und Angelpunkt der gesellschaftlichen Debatte in Deutschland. Die Süddeutsche holte massiv auf und überholte die FAZ bei der Auflage. Und die Enkel der Suhrkamp-Generation lasen ihre Nachrichten woanders. Vor allem lasen sie online. Perlentaucher und Nachtkritik statt der muffigen Fraktur vom Main. Sie vermißten aber auch eine kompetente Auseinandersetzung mit der Technik, die ihren Alltag mehr und mehr bestimmte. Und dieses Feld hat Schirrmacher strategisch für die bürgerliche Spielart der Technikkritik in Beschlag genommen. Das war kein Geniestreich und kein Ausweis hellseherischer Fähigkeiten oder einer besonderen Neigung hin zu Netz und Technik und so, sondern ganz schlicht allerkühlstes Marktkalkül. Es war ein Instinkt, den man an der Börse gut hätte gebrauchen können: Kaufen, das Thema war unterbewertet!

Dabei hat Schirrmacher ein Problem kommerziell ausgenutzt, das bis heute ungelöst ist: Das Unbehagen am Internet und an der Digitalisierung und alledem, was da mit dranhängt. Vom Verschwinden bürgerlicher Säulenheiliger wie dem Brockhaus und dessen Ersetzung durch das Laienprojekt Wikipedia bis hin zu den wirtschaftlichen Machtspielen zwischen Google und Springer, die bis in die letzten Monate hinein in seinem Blatt zelebriert wurden, bis hin zum Überwachungsskandal der Geheimdienste. Und natürlich der nachhaltige Verlust von Arbeitsplätzen, die jetzt auch die Mittelschicht erfaßt – und da wird man hellwach in Frankfurt. Jahrelang haben ihm dabei die Ikonen des Chaos Computer Clubs Constanze Kurz, Frank Rieger und Fefe geholfen, was sie wiederum viele Sympathien in der Szene gekostet hat. Völlig zu Recht.

Vor allem aber hat diese ganze Show, die da inszeniert wurde und die sich dann auch in die Talkshows des staatstragenden Teils unsers Rundfunks und am Ende in die Buchhandlungen und darüber wiederum ins Feuilleton ausgebreitet hatte, absolut null zur Lösung des zugrundeliegenden Problems beigetragen: Daß nämlich, wer einigermaßen klar bei Sinnen ist, der ganzen Digitalitis keineswegs unkritisch gegenübertreten kann. Daß die Big Brothers uns zuschauen, überall und bei allem und ohne Unterbrechung. Daß man sich dieser Überwachungsgesellschaft – dem Nachfolger der Risikogesellschaft und der verwalteten Gesellschaft und eine neue Spielart des Überwachens und Strafens – nicht entziehen kann. Wie geht die Gesellschaft damit um? Welche Grenzen sind trotz allem zu ziehen? Wie stellt sich die Soziale Frage unter diesen ja nun nicht mehr ganz so neuen Voraussetzungen? Die damit einhergehenden Fragen werden jetzt von der Rechtsprechung bearbeitet, wenn beispielsweise der Europäische Gerichtshof in der Google-Entscheidung zum „Recht auf Vergessenwerden“ Europa klar von den USA abgrenzt und festklopft, daß Europa seine grundrechtlichen Standards nicht an diejenigen der Amerikaner anpassen wird, sondern daß wir unseren Grundrechtsschutz zumindest hochzuhalten versuchen werden. Diesen Turn hat die FAZ in keiner Weise vorbereitet oder auch nur begleitet – wie denn auch? Was hätten Schirrmachers kulturpessimistische Kronzeugen Nicholas Carr, David Gelernter oder Jaron Lanier dazu denn sagen sollen? Davon verstehen sie gar nichts, genausowenig wie er etwas davon verstand.

Aber was reg ich mich auf. Das ist ja jetzt alles vorbei. Abendlanduntergangsphantasien wird es weiterhin geben, die sind zeitlos und jederzeit ans bürgerliche Publikum verkäuflich. Aber sie bringen uns gesellschaftlich nicht voran, weil sie das gar nicht wollen. Nochmals: Was bleibt, ist das Unbehagen am Internet und an der Digitalisierung und alledem, was da mit dranhängt. Und an der Lösung dieser Fragen muß gearbeitet werden. Schirrmacher hat daran nur verdient, mehr nicht. Und das war schon zu seinen Lebzeiten nicht honorig, sondern im Gegenteil sehr peinlich, wie es ablief, und zwar die ganze Zeit über. Konnte man ja kaum noch mit ansehen.

Was also letztlich bleibt, ist allein die Frage: An wem soll man sich jetzt noch reiben und abarbeiten?

Wie das Internet die Wahrnehmung von Menschen verändert

Er sei an einem Herzinfarkt gestorben, lese ich. In Frankfurt. Der Verlag trauere (natürlich). Er sei ja ein ganz großer gewesen, sagt der Politiker im Radio. Ich denke daran, daß ich ein Buch von ihm ohne Bedenken weggab, vor langem schon. Und Wikipedia erinnert mich an all das noch einmal, was ich früher schon nicht von ihm mochte. Immer vorne mit dabei sei er gewesen – was nicht stimmt, tatsächlich hat er alles im zweiten oder dritten Aufguß noch einmal als ein dünnes Süppchen aufgeköchelt, was andere vor ihm schon als Fünf-Gänge-Menü serviert hatten. Ohne ihn gehe es im gesellschaftlichen Diskurs nicht weiter – was nicht stimmt, denn sein Geschäft war es, die konservative Agenda seiner Zeitung zu setzen, und dementsprechend trauern jetzt auch vor allem diejenigen – und haben doch längst schon die Nachfolge geregelt. Nur das Funktionslose ist unersetzlich, und er hatte doch eine Funktion. Ja, kann man sagen. Legendenbildung in the making. Er sei allein gewesen, als man ihn fand, lese ich. Er hat keine Hilfe mehr bekommen, er war allein. Und der Prominente J. habe etwas darüber getwittert, schreibt ein Hörfunksender. Ich schaue auf Twitter und suche nach seinem Namen. Scrolle ein bißchen, scrolle weiter und lese – seinen letzten Tweet. Vor 23 Stunden, da war er noch am Leben und hat etwas versandt, das jetzt so stehen bleibt. Er hat auch selbst keine Hilfe mehr gerufen. Das einzige, das sein Tod markiert, ist das Ende des Feuilletons. Ein letztes Aufbäumen der Pressekonzerne, um „Debatten“ zu inszenieren, crossmedial. Das konnte er. Ich erinnere mich an die fahrige Schreibe, nicht drei Seiten am Stück in seinen Büchern, von denen man hätte sagen können, es wäre darin ein Gedanke ausgeführt worden. Was bleibt, sind Texte in Pressearchiven, Videos, Aufzeichnungen von Radiosendungen und Podcasts. Nachrufe. Und ein Twitter-Account. Hier enden die Spuren, die er im Netz hinterlassen hat.

„Angezettelt – Antisemitismus im Kleinformat“ im Museum für Kommunikation Frankfurt am Main

Ende der 1990er Jahre veröffentlichte Daniel Goldhagen sein Buch „Hitlers willige Vollstrecker“, in dem er unter anderem die These aufstellte, der gesamtgesellschaftliche Antisemitismus in Deutschland sei eine zentrale Triebkraft des Holocaust gewesen. Der Antisemitismus hatte (und hat) sozusagen eine volkstümliche Seite. Und es gibt Zeugnisse dafür, die man auch heute noch auffindet und nachweisen kann. Nicht nur auf der Straße oder an manchen Stammtischen begegnet man solchen Ansichten, sie sind vielerorts schon längst wieder salonfähig geworden. Wenn etwa Bernd Lucke von der AfD Michel Friedmann in einer Talkshow mal so eben über den Mund fährt, weil das seinen Wählern imponiert, und der Moderator dazu kommentiert, er, Friedmann, solle sich nicht so anstellen.

Hier geht es nun um den alltäglichen Antisemitismus, der sich ausbreitet in der Öffentlichkeit. Überwiegend ohne prominentes Gesicht. Mit kleinen Aufklebern, die in Bahnzügen und auf der Straße angebracht werden, an Ladengeschäften, und zwar in ziemlich großer Zahl. Und das auch nicht erst in den 1920er und 1930er Jahren, sondern schon im Kaiserreich, so daß es auch schon früh zur Gegenwehr kam. Der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens mobilisierte seit 1893 gegen die antisemitische Propaganda, unterstützt übrigens von Bürgern aller Konfessionen.

Die Ausstellung „Angezettelt – Antisemitismus im Kleinformat“, die seit dieser Woche im Museum für Kommunikation in Frankfurt am Main gezeigt wird, versucht zu rekonstruieren, wie das wohl gewesen sein mag. Aufkleber breiteten sich – ähnlich wie die etwas älteren Flugschriften – seit der Jahrhundertwende massenhaft aus. Sie waren als Sammelbilder, wie man sie heute noch kennt, in erster Linie ein Werbemedium für kommerzielle Zwecke, das in Alben eingeklebt wurde. Aber es gab eben auch andere Motive. Aus dem Jahr 1893 datiert eine runde blaue Klebemarke, auf der steht: „Kauft nicht bei Juden!“ Seit Anfang der 1920er Jahren nimmt das zu, breitet sich diffus aus, weil man die Täter nicht kennt. Ich stelle mir das unheimlich vor. Es dürfte bei den Betroffenen zu einer erheblichen Verunsicherung durch dieses Mobbing gekommen sein. Gegenaufrufe entstehen. Man fordert dazu auf, sich nicht zurückzuziehen, sondern sich einzumischen, zum Beispiel in die Vereine zu gehen und für die eigenen Rechte einzutreten. Es kommt auch zur Solidarisierung, etwa in einem Kegelverein in Breslau, wo gegen das Aufkleben solcher Marken von den Mitgliedern vorgegangen wurde. Das war aber eine Ausnahme. Als sich die Marken auch auf Briefen ausbreiteten ergeht ein Erlaß des Reichspostministeriums, um das zu untersagen. Nachdenklich macht die Vitrine am Eingang der Schau, in der eine Sammlung von Liebesbriefen aus der Zeit zwischen 1920 und 1923 zu sehen ist, jeder Umschlag trägt eine Marke mit einem antisemitischen Zitat. Da hatten sich zwei gefunden.

Ein besonders eklatantes Beispiel war das Hotel Kölner Hof, das, direkt am Frankfurter Hauptbahnhof gelegen, schon vor der Jahrhundertwende mit imitierten Bahnfahrkarten mit dem Aufdruck „Freikarte nach Jerusalem“ aufgefallen war, „gültig ab jeder Deutschen Station, nicht übertragbar, hin und nicht wieder zurück“. Der Betreiber des Hotels Hermann Laass, ein Frankfurter Stadtverordneter, bezeichnete sein Haus, das 1889 gegründet worden war, seit 1893 als ein „judenfreies Hotel“ – auch davon zeugen kleine Briefsiegelmarken. Er veranstaltete antisemitische Tagungen und stattete sein ganzes Haus mit entsprechenden Parolen aus, „jüdischer Besuch verbeten“, bis in die Tischdekoration und das Geschirr hinein. Als er damit begann, auch den Außenbereich dementsprechend zu dekorieren, wurde ihm von der Stadt Frankfurt die Außenbestuhlung verboten. Er machte trotzdem weiter.

Die Ausstellungsstücke stammen aus der Sammlung des Berliners Wolfgang Haney, der das Dritte Reich als Kind erlebte. Seine Mutter war Jüdin. Als er in den 1990er Jahren auf Postkarten mit judenfeindlichen Motiven aufmerksam wurde, beginnt er, sie zu sammeln. Es gibt einen Markt für solche Dinge, es gibt Händler und Auktionen, und die Preise seien entsprechend hoch. Auch die Klebemarken, die hier gezeigt werden, stammen aus diesem Umfeld. In zwei Interviews hat Haney über sein Leben und über seine Sammlung erzählt, zum einen gegenüber der Bundeszentrale für politische Bildung, aber auch vor etwa einem Jahr im RBB-Inforadio. Auch bei Spiegel Online Einestages findet sich ein Beitrag zum Thema mit Abbildungen zeitgenössischer Klebemarken.

Die Ausstellung endet mit einem Blick auf die Gegenwart. Den Antisemitismus und den Rassismus gibt es weiterhin, auch die Motive wiederholen sich. Im Wahlkampf zum Berliner Abgeordnetenhaus 2011 verteilte die NPD ein „Rückflugticket“ mit der Aufschrift: „Ab Deutschland, Ziel Heimat, One way“. Und in einem Video wird eine pensionierte Berliner Lehrerin interviewt, die mit dem Herdkratzer durch die Straßen geht, um die heutige Neonazi-Propaganda von den Laternenmasten zu entfernen. „Angezettelt – Antisemitismus im Kleinformat“ schärft den Blick dafür.

Angezettelt – Antisemitismus im Kleinformat“. Museum für Kommunikation Frankfurt am Main, bis 21. September 2014. Kuratoren: Isabel Enzenbach und Marcus Funck, jeweils Zentrum für Antisemitismusforschung, Berlin. Das begleitende Material findet man auf der Website des Museums, lesenswert sind insbesondere die Ausstellungstexte. Auf Flickr findet man ein Album mit den Pressephotos.