Das ist das Mindeste

Die Pläne zur Einführung eines Mindestlohnes sind nicht überraschend, und sie erfolgen nicht zufällig zu diesem Zeitpunkt. Das Geld ist vor lauter Bankenretten so knapp geworden, daß es zur Subventionierung des Niedriglohnsektors über ergänzende Leistungen bei Hartz IV nicht mehr ausreicht. Beim Mindestlohn geht es nicht nur um eine arbeitsrechtliche Regelung, bei der darauf zu achten ist, wie intensiv sie in die Tarifautonomie eingreifen wird. Es geht vor allem darum, die Realwirtschaft an dem derzeitigen finanzwirtschaftlichen Fiasko zu beteiligen. Auch hiermit werden also vor allem die Banken geschont, aber auch die Staatskassen. Es ist deshalb keine „Volte“ (FAZ), sondern schlicht eine Fortführung der bisherigen Politik. Die Umverteilung von unten nach oben wird nun auch im wirtschaftlichen Bereich weiter verschärft. Ob die FDP das mittragen kann oder nicht, spielt letztlich bei einer Unter-fünf-Prozent-Partei keine wesentliche Rolle mehr. Die CDU sucht sich sowieso einen neuen Koalitionspartner. Ein Mindestlohn wäre sowohl für schwarz-grün als auch für schwarz-rot eine gangbare Option, wobei die erstgenannte Variante wahrscheinlicher ist. Nur die Piratenpartei wird dabei vermutlich keine entscheidende Rolle spielen, und gerade deswegen gegen die faktische ganz große Koalition weiter gewinnen.

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Wikipedia hat zwei Probleme

Der Löschantrag und die darauffolgende Diskussion zu dem Artikel Feministische Kriminologie wirft leider ein trauriges Licht auf die Qualitätssicherung in der deutschsprachigen Wikipedia. Es dauerte zwei Tage, bis zur ersten wohlwollenden Stimme, und auch danach waren die frauenfeindlichen Voten latent weiter vorhanden. Das Fach gebe es gar nicht („Theoriefindung“). Der Artikel könne bei „Feministische Fußpflege“ eingearbeitet werden. Und ja, die ursprüngliche Fassung habe Binnen-Is enthalten.

Die Wikipedia hat ganz offensichtlich ein Männerproblem, das kaum lösbar sein dürfte. Sie hat aber auch ein fachliches Problem. Solange sich fachfremde Wikipedianer den sachkundigen Autoren besserwisserisch in den Weg stellen und sich auch in Löschdiskussionen jeder ohne Rücksicht auf seine Sachkunde beteiligen darf und auch die Frage, welcher Admin (ein fachfremder oder ein sachkundiger) eine Löschdiskussion entscheiden darf, nicht zugunsten der Sachkunde entschieden ist – solange gibt es ein wirklich großes Problem in der Qualitätssicherung, das einer nachhaltigen Steigerung der Qualität ebenso entgegensteht wie der Gewinnung kompetenter Autoren.

Wikipedia ist (k)ein Newsticker

Heather Ford beschreibt in einem Blogpost im MediaShift Idea Lab von PBS, wie Wikipedia zunehmend Funktionen des klassischen Journalismus übernimmt. Artikel über aktuelle Nachrichten zählen zu den am häufigsten abgerufenen Seiten in Wikipedia. Andererseits sei aber auch die Schwelle, sich als neuer Autor an Wikipedia zu beteiligen, bei aktuellen Themen anscheinend niedriger als sonst. Im ersten Quartal 2011 seien die Artikel mit den meisten Autoren in der englischsprachigen Wikipedia („2011 Tucson shooting“, „2011 Egyptian revolution“ und „2011 Tōhoku earthquake and tsunami“: 460, 405 und 785) zugleich diejenigen gewesen, an denen die meisten neuen Wikipedianer mitgeschrieben hätten, leider ohne diese Angabe näher zu quantifizieren. Der Artikel zum Tōhoku-Erdbeben 2011 in der japanischen Wikipedia sei nur elf Minuten nach den ersten Schockwellen angelegt worden, die englische Wikipedia sei 21 Minuten später gefolgt.

Obwohl Wikipedia kein Newsticker und keine Zeitung, sondern eine Enzyklopädie sei, sei ihr Einfluss auf den Journalismus unübersehbar, schreibt Ford. Der Versuch, aktuelle Entwicklungen in das Schwesterprojekt Wikinews zu verbannen und Wikipedia den etablierten Themen vorzubehalten, sei fehlgeschlagen. Die deutschsprachige und die englischsprachige Version von Wikinews haben derzeit jeweils etwa vier Autoren mit mehr als 100 Bearbeitungen pro Monat, und die englischsprachige Wikinews wurde gerade zu OpenGlobe geforkt.

Ford schlussfolgert, die „Relevanzkriterien“ seien offenbar ein sehr „relatives Konzept“, und sie diskutiert abschließend, wie sich der zunehmende Erfolg von Wikipedia im Nachrichtenbereich mit dem Prinzip des Neutralen Standpunkts verhalte. Immer häufiger würden im Nachrichtenbereich Primärquellen zur Grundlage von Artikeln gemacht, so dass Wikipedianer selbst die Rolle übernehmen, die den Regeln des Projekts zufolge eigentlich „reputablen Quellen“ vorbehalten sei. Damit entstehe auch eine neue Art von Geschichtsschreibung („die erste grobe Skizze einer Nachricht“), und Wikipedia könnte Gefahr laufen, einen subjektiven anstelle eines neutralen Standpunkts einzunehmen, wobei sie einräumt, dass es ganz sicherlich einen Unterschied mache, ob es in dem Artikel um eine Naturkatastrophe oder um gesellschaftlich und politisch umstrittene Themen wie beispielsweise einen Krieg gehe, wo es erfahrungsgemäß sehr viel mehr unterschiedliche Meinungen unter den Autoren gebe.

Zuerst in: Wikipedia Kurier. 25. Oktober 2011.

Occupy Frankfurt III

OccupyFrankfurt 22 October 2011 4Eine Woche nach der ersten Demonstration kam es heute wieder zu kapitalismuskritischen Protesten in Frankfurt, organisiert über soziale Netzwerke.

Es sollen 4000 (nach anderen Angaben: 6000) Demonstrierende gewesen sein, hieß es in der FR:

„Sie keuchen im hohen Alter durch Frankfurts Straßen, nehmen unbezahlten Urlaub, um die Gallusanlage zu besetzen, und fassen einander an den Händen – egal wie unterschiedlich sie sind. Und vor allem: Sie denken nicht daran, aufzuhören“.

Bild: Demonstration vor der Deutschen Bank in Frankfurt am 22. Oktober 2011. Von: Benutzer:Blogotron, Wikimedia Commons, Lizenz: CC-0.

Wikipedia-Wutbürger [Update]

White Bag Movement – Wikipedia Oktober 2011Im Streit um die Einführung eines Bildfilters für Wikimedia-Projekte kommt es seit dieser Woche zu einer Online-Demo: Wikipedianer haben aufgrund eines Aufrufs in der Diskussion um das weitere Vorgehen ihre Benutzerseiten einheitlich gestaltet. Dort ist jetzt nur noch das Bild einer weißen Tüte zu sehen. Die Community bereitet sich derzeit auf den Besuch der Geschäftsführerin der Wikimedia Foundation Sue Gardner vor, die voraussichtlich am 20. November 2011 am Rande der nächsten Mitgliederversammlung von Wikimedia Deutschland e.V. in Hannover der interessierten Öffentlichkeit zu den Plänen der Stiftung Rede und Antwort stehen wird.

[Update: Außerdem diskutiert die Community mittlerweile ernsthaft das Für und Wider eines Forks. Es ist die erste Diskussion dieser Art seit der Abspaltung des Projekts Wikiweise 2004/5.]