Wie Scherenschnitte

„Bemerken Sie, wie das Licht sich geändert hat in den letzten Tagen?“ fragte Karsch. „Es ist jetzt sehr viel kräftiger geworden. Hell und klar. Noch kühl, aber die Kraft des Lichts dringt in die Menschen, und das fühlt sich gut an.“ – „Auch die Dämmerung dauert deutlich länger jetzt, und sie setzt schon später ein. Die Luft ist trocken und klar.“ Korsch schaute noch lange aus dem Fenster: „Noch sind die Zweige an den Bäumen kahl und wirken wie Scherenschnitte gegen den spätwinterlichen Himmel.“

Zuerst in: albatros|texte, 25. Februar 2014.

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„NOK. Ein Ursprung afrikanischer Skupltur“ im Liebieghaus Skulpturensammlung, Frankfurt am Main

Nok sculpture Louvre 70-1998-11-1 Man schaut sich ja eher Neueres an, wenn man ins Museum geht. So alte Sachen, also so ganz alte Sachen – älter als die „Alten Meister“ – sehr viel älter, Eisenzeit in Westafrika, in Nigeria, um genau zu sein – sieht man selten. Dabei steht mindestens eine Nok-Skulptur sogar im Pariser Louvre (siehe die nebenstehende Abbildung). Und jetzt also eine Ausstellung rund um die Nok-Kultur im Frankfurter Liebieghaus, verlängert bis in den März 2014, danach gehen die Stücke zurück nach Nigeria.

Nok-Skulpturen sind begehrt, es gibt einen (schwarzen) Markt für sie, und sie werden nachgemacht – was man den Duplikaten aber deutlich anmerkt. Mit Ausnahme dreier solcher Fakes sind es allesamt echte Stücke in der Ausstellung des Liebieghauses, die der Frankfurter Archäologe Peter Breunig und sein Team bei Ausgrabungen in Nigeria in einem beneidenswert langfristig angelegten DFG-Projekt gefunden und wiederhergestellt hat: Rekonstruiert wurden die Terrakotten aus vielen, teilweise weit verstreut aufgefundenen Tonscherben.

Man geht davon aus, daß die Skulpturen weggeworfen und absichtlich zerstört wurden, vielleicht weil man sich vorstellte, daß ein Fluch auf ihnen laste, so daß man sie loswerden und sicher zerstören wollte. Jedenfalls sind sie die einzigen Zeugnisse, die von dieser alten Kultur überliefert sind: Keine Schrift, keine weiteren Werkzeuge, nur die Terrakotten sind übrig geblieben. Aus ihnen wird versucht, Rückschlüsse auf die Lebensweise der Menschen damals zu ziehen – was naturgemäß mehr oder weniger überzeugend gelingt.

Die Werke berühren durch ihre Menschlichkeit. Bedenkt man die handwerklichen Beschränkungen, so sind sie ausgesprochen kunstvoll ausgeführt. Einige der Skulpturen sind wirklich wunderschön und können auch neben der alten ägyptischen und griechischen Kunst mit zumeist vergleichbarem Alter aus der Sammlung des Liebieghauses, der sie gegenübergestellt werden, mühelos bestehen. Gleichzeitig werden die Nok-Skulpturen aber nicht von der Sammlung vereinnahmt. Breitformatige Fotos von der Landschaft, in der sie gefunden wurden, lassen den Blick über weitgezogene Berge und Täler gleiten und zeigen ein fremdes und einladendes Land. Diese Eindrücke werden vertieft durch Filme, die eine Fahrt vom Geländewagen aus aufgenommen durch diese weite Gegend zeigen. Im Untergeschoß kann man dazu auch Tonaufnahmen von den Ausgrabungen hören. In dem Dokumentarfilm erkennt man Skulpturen wieder, die man zuvor in der Ausstellung gesehen hatte.

Es ist eine eindrückliche Schau, fernab des etablierten Ausstellungsbetriebs, deren Besuch unbedingt zu empfehlen ist. Schade nur, daß das Liebieghaus die Führung durch die Ausstellung mittwochs um 17 Uhr angesetzt hat – nur eine Stunde vor der Schließung. Andere Besucher, die an der Führung teilgenommen hatten, mußten direkt aus ihr heraus das Haus verlassen. Merkwürdig. Genauso hatten wir uns das schon vorgestellt, deshalb führten wir uns selbst, gecoacht durch die Projekt-Website, Britannica, Wikipedia und mithilfe von Filmen auf YouTube – was ohne weiteres möglich ist. Auch die Wandtexte sind umfangreich und gehaltvoll gestaltet.

NOK. Ein Ursprung afrikanischer Skulptur. Liebieghaus Skulpturensammlung. Frankfurt am Main. Kurator: Vinzenz Brinkmann. Architektur: Karsten Weber. Bis 23. März 2014. – Die abgebildete Skulptur wurde im Louvre photographiert, sie ist in der Ausstellung nicht zu sehen. Das Bild von Benutzer:Jastrow wurde ausgewählt, weil es auf Wikimedia Commons frei zur Verfügung steht. Es soll einen generellen Eindruck von der Kunst der Nok vermitteln.

Die Karawane zieht weiter

Bildblog-Effekt Nebenstehend sieht man das Ergebnis einer Verlinkung dieses Blogposts vom BILDblog her – eine Fallstudie darüber, wie der Traffic im Web 2.0 derzeit gelenkt wird: Ein steiler Anstieg. Kurzes Verbleiben auf hohem Niveau. Und danach ein steiler Abfall auf den früheren normalen Level.

Die Blogstatistik zeigt zudem keine Referrer von sozialen Netzwerken her, die Links bleiben vollständig innerhalb der Blogosphäre – ein Trend?

Ein Spiel mit verteilten Rollen

Revolution? War da was? In der Ukraine wurde natürlich nachgeholfen, schreibt Albrecht Müller in den Nachdenkseiten. Nicht irgendwie, sondern von den USA, ganz offen dokumentiert, für jedermann nachlesbar, wird die von Naomi Klein 2007 beschriebene „Schock-Strategie“ vollzogen. Den Rest besorgen die Spindoktoren, in diesem Fall vor allem mittels ausbleibender Kritik am Handeln der EU, einschließlich des deutschen Außenministers. Ganz viele Fäden wurden gezogen, und die Massenmedien erzählten vergangenes Wochenende ein spätes Wintermärchen mit Leichen. Es muß dort wie im Wilden Westen zugegagen sein, es wurde scharf geschossen. Was das gleiche Spiel zur gleichen Zeit in anderen Ländern vergessen macht. Wer spricht schon von Venezuela? Auch so ein „Hinterhof“ im weitesten Sinne. Ein Spiel mit verteilten Rollen. Durchschaubar einfach. Viel zu einfach.

Eine riesige klaffende Wunde

Wolfgang Michal fragt auf Carta, ob man Carta noch brauche. Beziehungsweise, wenn ich ihn richtig verstehe, ob man, über Carta hinaus, noch Plattformen brauche, die netzpolitische Themen und netzpublizistische Trends aufgreifen und vorantreiben – wo doch längst die alten Marken FAZ, ARD und Co. auch im digitalen Bereich die Führung behalten haben. Er mißt das an den Inhalten etwa des FAZ-Feuilletons und an Verlinkungen und Erwähnungen der Altmedien im Web 2.0. Auch weiterhin bezieht sich der größte Teil des Mainstreams im Web auf die Massenmedien, bezieht aus ihnen Stoffe und Debatten, läßt sich die Agenda von ihnen vorgeben und ist in keiner Weise selbst kreativ, schöpferisch am Werk, wirkt auch nicht über die eigenen Filter Bubbles hinaus in die Gesellschaft hinein.

Dabei denke ich an eine Debatte aus dem vergangenen Jahr. Es ist ziemlich genau ein Jahr her, als Thomas Knüwer vorgeschlagen hatte, angesichts des bevorstehenden Leistungsschutzrechts für Presseverleger einfach keine Beiträge aus Zeitungen mehr zu verlinken. Daran habe ich mich seitdem gehalten. Was soll ich weiter sagen? Es geht. Punkt. Ich brauche keine der von Wolfgang Michal benannten Spießerblätter zu zitieren, um mein Blog zu füllen. Das mag an meiner Art zu bloggen liegen. Das mag daran liegen, daß mich der professionelle Journalismus immer weniger interessiert und ich insoweit wählerischer geworden bin, indem ich Debatten und Themen verfolge, statt Zeitungen zu abonnieren. Was übrigens um sich gegriffen hat, wie man an den Abozahlen der besagten „Marken“ sehen kann. Da ich mich von den kommerziellen sozialen Netzwerken mittlerweile vollständig verabschiedet habe, bekomme ich schließlich auch nicht mehr mit, wie das ist, wenn Spießer als Hilfstruppe die Texte von anderen Spießern zitieren, verlinken und pushen. Das ist ausgesprochen nervenschonend, ich kann es jeder und jedem nur nachdrücklich empfehlen. Twitter oder Rivva kann, wie es sich heute darstellt, per se kein Maßstab für journalistische oder thematische Relevanz sein. Qualität finde ich dort nicht.

Und dann denke ich an den Perlentaucher, der gerade eine grundlegende Neuordnung seiner täglichen Presse- und Netzschauen vollzogen hat. Er ordnet sich genau in diesen Umschwung ein, den ich oben erwähnt habe, und gliedert seine Medienschauen nicht mehr nach den großen Feuilletons von Berliner Zeitung bis FAZ, sondern nach Themen. Nach Prozessen, die von Köpfen und durchaus auch von Netzwerken ausgehen und betrieben werden, die schwer steuerbar und weithin unverstanden sind. Also ganz im Sinne von Christoph Kappes‘ Anregung in der Diskussion zu Wolfgang Michals Beitrag.

Aber es braucht natürlich noch mehr. Vor allem sehr viel mehr Gelassenheit und Selbstbewußtsein. „Laßt doch die Massenmedien ihren Massenwahn ruhig massenfaseln und kümmert Euch um Euer Ding!“ möchte man den Machern von Carta zurufen. Einfach ignorieren. Hier geht es um eine ganz andere Zielgruppe, um einen anderen Diskurs, meinetwegen auch um einen ganz anderen Markt als der, den die Masse nur kennt. Mit dem Kuratieren und Zitieren der Blogosphäre sollte es nicht sein Bewenden haben. Ich würde mir da schon eine Art Digest vorstellen, der einordnet und hervorhebt und erzählt, der ein eigenes Narrativ hervorbringt. Die Zweitverwertung von Blogposts ist selbst nicht kreativ, die Netzlese als eine Art rein blogophärischer Perlentaucher oder ein Blog-Altpapier wäre es schon; das könnte und sollte man ausbauen.

Ein Blog wie Carta hätte – wie jedes andere Projekt auch – eine Zukunft als ein kritischer Knoten im Web, als ein Sammelpunkt für diejenigen, die nach Alternativen suchen, die einen anderen Blick auf die Dinge pflegen, als ein Ort, den der Freitag seit Augstein aufgegeben hat und den es seitdem in Print nicht mehr gibt in Deutschland. Was dabei zurückgeblieben ist, ist keine Lücke, sondern eine riesige klaffende Wunde, die dringend publizistisch versorgt werden müßte. Und dazu bräuchte es auch Carta. Freilich nur, wenn Carta dies wollte. Sonst nicht.

Wo kämen wir da hin?

Was bisher bekannt wurde: Ein Bundesminister soll während der Koalitionsverhandlungen die Leitung der anderen Partei informell darüber in Kenntnis gesetzt haben, daß gegen einen ihrer Bundestagsabgeordneten, der Aussicht auf ein Minister- oder jedenfalls auf ein Staatsministeramt gehabt hätte, strafrechtliche Ermittlungen laufen. Der Minister gibt das auch zu. Bei seinem Rücktritt. Es besteht der Verdacht, daß der Abgeordnete dadurch nun nicht mehr bestraft werden kann, weil er vorher gewarnt worden war und deshalb Beweise aus dem Weg schaffen konnte. Im übrigen heißt es aber durchweg, das Verhalten, das dem Bundestagsabgeordneten vorgeworfen wird, sei schon tatbestandlich nicht strafbar gewesen. Dann bliebe es bei der Weitergabe personenbezogener Daten aus dem Ermittlungsverfahren durch den Minister.

Unerwartete Hilfe für ihn kommt nun vom „rechtspolitischen Korrespondenten“ der taz. Christian Rath kommentierte gestern den Vorgang dahingehend, es müsse einen „ungeschriebenen Rechtfertigungsgrund geben, in einer derart ungewöhnlichen Situation die Spitze der anderen Partei von dem Verdacht zu informieren. Was die parlamentarische Fairness erfordert, muss auch rechtliche Wirkung haben.“ So einen Rechtfertigungsgrund gibt es aber nicht – wenn man mal vom „fünften Auslegungskanon“ der juristischen Methodenlehre absieht, der bekanntlich hieß: „Wo kämen wir da hin?“ Es gibt keinen Rechtfertigungsgrund für den Fall, den Koalitionspartner vor einem politischen Skandal zu bewahren. Udo Vetter berichtet heute auf Hyperland darüber, wie ein „kleiner Polizist“, den er mal vertreten habe, in einem ähnlichen Fall – unter Wahrung seiner Pensionsansprüche – zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden sei. Dabei ging es aber um ein Verfahren wegen Betäubungsmitteln, das offenbar, wäre die Wohnungsdurchsuchung erfolgreich gewesen, zu einer Verurteilung geführt haben würde. Gerade das ist hier unsicher. Das Verhalten des Abgeordneten soll von vornherein im Grenzbereich gelegen haben, selbst wenn man es ihm nachweisen hätte können, strafbar sei es nicht gewesen. Und auch Rath weist darauf hin, daß die Mitteilung des Ministers an die andere Parteispitze nicht ursächlich für den Ermittlungsfehlschlag gewesen sein muß. Der Betroffene habe schon lange vorher einen Rechtsanwalt eingeschaltet, der mit den Ermittlungsbehörden verhandelt habe. Selbst wenn er also etwas Unrechtmäßiges getan haben sollte, hätte er genügend Zeit gehabt, die Beweismittel aus dem Weg zu schaffen – sollte es je welche gegeben haben. Damit geht auch der Vorwurf der Strafvereitelung gegen den Minister fehl.

Was bleibt? Der Bundestagsabgeordnete, um den es in dem Fall geht, ist kein unbeschriebenes Blatt. Er hatte in Untersuchungsausschüssen mitgearbeitet und dabei ganz sicherlich einiges mitgekriegt, was ihn bei Polizei und Geheimdiensten zumindest unbeliebt gemacht haben könnte. Und die Unschuldsvermutung, die, so kann man sagen, im Mittelpunkt des Strafverfahrens steht, ist weder zugunsten des Abgeordneten noch des Ministers vorgebracht worden – rügte bisher aber wohl nur der ehemalige Bundestagsabgeordnete und Richter am Bundesgerichtshof Neskovic, der daran erinnert hat, daß üblicherweise 80 Prozent aller Ermittlungsverfahren letztlich im Sande verlaufen und dann eingestellt werden.

Und dieser Plot aus Verdächtigungen und Halbwahrheiten und ungarem Nichtzuendegedachtem beschäftigt nun schon seit Tagen die Berichterstattung in den Massenmedien, wodurch zwei politische Karrieren beendet worden sind. Aber der eine will ja wiederkommen, hat er trotzig vor der Presse bekundet. Bei seinem Rücktritt. Während der andere wohl aus dem Spiel raus sein wird. Er wird in keinem Untersuchungsausschuß mehr sitzen. Seine Karriere ist wohl wirklich beendet worden, übrigens unter Mitwirkung der eigenen Parteifreunde, denn sie hatten ihn aufgrund alldessen nicht zum Minister gemacht. Cui bono?