Die Wikipedia hat heute abend über sich selbst diskutiert

Zur Aufregung der deutschsprachigen Blogosphäre über die ganz normale Löschpraxis in der deutschsprachigen Wikipedia hatte ich schon etwas geschrieben. Worum es dabei geht, ist nicht neu, sondern seit vielen Jahren gängige Praxis, und die ganze Erregung ist deshalb vor allem ein Hinweis auf eine nachholende kritische Auseinandersetzung mit der Wikipedia als Quelle und Medium. Mit der Wikipedia als sozialem Projekt, als „Bewegung“ beschäftigten sich bisher vor allem eine Illustrierte wie der „Stern“ und wenige Autoren wie Günter Schuler 2007 in seinem Buch „Wikipedia inside“, in dem er auch viele Wikipedia-Promis vorstellte. Auch manches, was online abläuft, ist eben nur zu verstehen, wenn man sich die gruppendynamischen Prozesse anschaut, auf denen das für alle sichtbare Ergebnis beruht. So ist die Wucht, mit der die derzeit stattfindende Diskussion abläuft, wahrscheinlich vor allem mit einer sehr weitgehenden unkritischen und emotionalen Identifikation der Netzgemeinde mit dem Wikipedia-Projekt zu erklären.

Heute abend fand zu alledem nun eine Diskussion statt, die von Wikimedia Deutschland veranstaltet wurde, dem Verein hinter der Wikipedia, der die Infrastruktur trägt und der dem ganzen virtuellen Projekt ein reales organisatorisches Fundament gibt. Und über diese Veranstaltung habe ich mich denn doch ziemlich gewundert, weil sie weder dem Anlaß noch dem Selbstverständnis des Wikipedia-Projekts gerecht wurde.

Zunächst fand ich erstaunlich, daß man sich „in der großen Stadt Berlin“ (Erich Kästner) an einem so kleinen und beengten Ort traf: „Das Setting der Wikipedia-Diskussion ist indiskutabel. Hälfte der ‚Teilnehmer‘ ist im Raum nebenan“, schrieb Frank Rieger dazu. Provinziell. Es wurden nur 42 Teilnehmer eingelassen (sic!). Zu Wort kamen vor allem die Diskutanten, die die bereits bekannten Thesen aus ihren Blogbeiträgen wiederholten. Man blieb auffällig unter sich in der Welt des „freien Wissens“. Und die technische Qualität des Video-Livestreams war leider unter aller Kritik. Ohne Kopfhörer war der Ton nicht zu verstehen, weil er viel zu leise ankam. Fefe, der das alles mit angestoßen hatte, aber nicht eingeladen worden war, hat darüber schon sehr schön live und aus der Ferne gebloggt. Anne Roths Statement war für mich noch das originellste. Sie verglich die deutschsprachige Wikipedia mit Indymedia, wo das Mitmach-Web unter anderem mal begonnen hatte. Man kann die Gegenöffentlichkeits-Plattform Indymedia natürlich nicht so ohne weiteres mit der doch sehr mainstreamigen Wikipedia vergleichen, die sich bei ihren Inhalten bekanntlich maßgeblich am sogenannten „neutral point of view“ orientiert. Aber die soziale Komponente sei vergleichbar, meinte Anne Roth. Immer mehr Mitarbeiter strichen die Segel; dadurch steige die Belastung der verbleibenden Admins; die Stimmung im Projekt spanne sich an; normale Nutzer würden vergrault; der Bürokratismus nehme weiter zu; wodurch wiederum mehr Regulars das Handtuch würfen; usw., usf. Been there, seen that.

Indymedia spielt mittlerweile keine große Rolle mehr.

Auch in der Freitag Community, 5. November 2009.

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15 Antworten zu Die Wikipedia hat heute abend über sich selbst diskutiert

  1. Markus Sowada schreibt:

    Ich hatte leider keine Zeit, mir die Veranstaltung ins Haus zu streamen. Die Eindrücke, die mir von relativ vielen Seiten mitgeteilt werden, ergeben nicht das Bild, dass eine Podiumsdiskussion sonst ergibt. Vielmehr formte sich in meinem Kopf das Bild einer Pressekonferenz. Auch dort sitzt z.B. ein Vorstand an einem Pult und teilt einer Gemeinde (in diesem Fall meist Pressevertretern) seine Sicht der Dinge mit.

    Nun muss ich sagen, dass ich die große Hitzigkeit in der Diskussion nicht nachvollziehen kann. Ein Projekt wie die Wikipedia profitiert in einer ersten Phase immer vom massenhaften Sammeln von Informationen (über viele Autoren bzw. Wissensträger). Wenn diese Phase erfolgreich ist, dann stellt sich relativ schnell die Frage, wie man eine Qualitätskontrolle einführen kann. Die Informationstiefe wird schnell größer und damit kann eben nicht mehr Jedermann zu allem was sagen bzw. schreiben. Wie ich diesen Übergang gestalte ist dabei natürliuch unstreitig extrem wichtig. Genauso wichtig ist aus meiner Sicht aber, dass man überhaupt feststelt, dass es eine Notwendigkeit zur Re-Organisation gibt, denn: wenn man Relevanz erreichen will und sich einen guten Leumund nicht nur zulegen, sondern diesen später auch bewahren will, so kommt man um ein dezidiertes Qualitätsmanagement nicht herum. Wichtig ist natürlich, dass man glasklare Kritiereien aufstellt und hier werden derzeit wohl Fehler gemacht.

    Übrigens: Auch nach meinem Eindruck spricht die Heftigkeit der Reaktion aus der Netzgemeinde wohl u.a. auch dafür, dass viele Diskutanten noch nicht allzu konkret darüber nachgedacht haben, wie man ein Projekt wie die Wikipedia weiterbringen kann. Jeder, der an solchen Projekten schon einmal mitgearbeitet hat weiss, dass es den Punkt gibt, an dem man mit “gelebter Basisdemokratie” nicht weiterkommt, sondern im Gegenteil ein Projekt “hinrichten” kann. Alle, denen an der Wikipedia etwas liegt, sollten Emotionen beiseite lassen (natürlich auch die Vertreter der Führungsebene) und über Inhalte streiten und irgendwann einen gemeinsamen Prozess verabschieden, mit dem alle leben können.

  2. Goldzahn schreibt:

    Wikimedia Deutschland ist nicht ein Verein hinter der Wikipedia. Tatsächlich ist die Organisation hinter Wikipedia eine US-Organisation, die ihren Geschäftssitz in San Franzisko hat. Da aber nicht so leicht in die USA gespendet wird, gibt es auch nationale Vereine rund um die Welt. Manche dieser Vereine haben Geld, andere nicht. Ihr eigentliches Ziel ist es nationaler Ansprechpartner zu sein und alle Wikimedia-Projekte zu fördern. So wird z.B. die deutschprachige Wikipedia von einem deutschen, österreichischen und schweizer Verein gefördert.

    Da dem deutschen Verein verboten ist Geld direkt in die USA zu überweisen, hat er Computer gekauft, die in Holland stehen, und im Besitz des Vereins sind. Es wurden Programmierer bezahlt, Reisekosten übernommen, etc. Ein wichtiges Projekt ist der Toolserver, wo Hilfsprogramme zu finden sind. Aktuell wird dort z.B. die Infrastruktur aufgebaut um OpenStreetMap-Daten in die Wikipedia zu integrieren. Schon heute sind Geodaten in der Wikipedia vorhanden, doch soll das noch stark erweitert werden. Man denke hier beispielsweise an die Verbindung von Händys, Wikipedia und Ortsbestimmung.

    Persönlich glaube ich, das die gestrige Veranstaltung ein Versuch des Vereins war stärker politisch zu wirken. Gerade wo jetzt das Internet politisch bedeutsamer wird, ist das notwendig. Es gibt wichtige Kooperationen mit Bibliotheken, der Medienindustrie und auch der Politik. Auch zwischen den Vereinen in Europa wird die Kooperation enger, so war z.B. kürzlich ein Vertreter von Wikimedia bei der EU gewesen und ich weiß von Kooperationen mit dem niederländischen und dem polnischen Verein. Es passiert sehr viel was öffentlich nicht beachtet wird.

    Übrigens, die US-Organisation hatte zuletzt mehrere Großspenden über mehrere Millionen Dollar erhalten mit der Zielrichtung Wikimedia zu verbessern, was seit einigen Monaten in Angriff genommen wurde und wo auch erste Ergebnisse zu sehen sind. Wikimedia ist eine internationale Organisation, die sich um das Thema Lernen, Wissen, etc. kümmert. PS: In der Niederlande hat der Staat vor einiger Zeit beschlossen Lehrbücher von den Lehrern erstellen zu lassen. Das erinnert an die anderen Wikiprojekte, Wikipedia ist nur eines von vielen Projekten von Wikimedia.

    Gruß, Goldzahn

  3. jfenn schreibt:

    Danke für Eure Anmerkungen. Habe wenig Zeit, deshalb nur soviel:

    - Es war kein richtiges Podium, weil die Teilnehmer dort zuwenig beitrugen, es war aber auch keine Pressekonferenz, eher eine Art mündlicher Wiederholung der bisheirgen Diskussion in den Blogs. Nur Annes Standpunkt war für mich neu. Sie hatte ihn gestern abend sehr spät nochmal auf C-Radar näher ausgeführt, nachdem Maha dort ein langes Interview gegeben hatte.

    - Es soll noch einen Version zum Herunterladen geben, schrieb mir Henriette im Chat.

    - Danke für die Aufklärung zu Wikimedia Deutschland/USA/whereever. Wer was genau tut und mit welchen Mitteln ist mir auch immer wieder mal ein Rätsel …

  4. Pingback: Wikipedia: Krise? Welche Krise? « Mnementh

  5. Markus Sowada schreibt:

    @Goldzahn Vielleicht liegen ja auf Seiten der Fans und Autoren einerseits und andererseits auf Seiten der sogenannten Macher bei der Wikimedia noch ab und an nicht alle Informationen vor (oder man will sie nicht wissen, weil sie dem eigenen Wollen im Wege stehen). Nachdem, was ich über Wikimedia e.V. weiß ist es tatsächlich so, dass der Verein vor allem daran arbeitet, dass die verschiedenen Projekte hierzulande bekannter werden. Schlussendlich geht es dann auch darum Spenden zu sammeln, denn schließlich kostet es Geld, eine stabile Infrastruktur zur Verfügung zu stellen und diese in Gang zu halten bzw. diese auch an immer größere Zugriffzahlen anzupassen.

    Und vielleicht ist es auch so, dass in der Öffentlichkeit trotz der Versuche, Projekte sauber (voneinander getrennt) zu adressieren und verschiedene Themengebiete (z.B. Spenden sammeln einerseits, politische Arbeit andererseits und nicht zuletzt die Diskussion und Beschlußfassung um die Zukunft des Umgangs mit Autoren und “Wer darf was wann und wie”) anzugehen, vielleicht geht da trotz all der Mühe, die sich die Aktiven bei Wikimedia bestimmt geben, einiges nicht so, wie man sich das wünscht. Was den Umgang mit Autoren angeht, so bin ich natürlich für einen möglichst große Durchlässigkeit für neue und alte Autoren und Themen. Andererseits sieht sich die Wikipedia gerade wegen ihres offensichtlichen Erfolgs diversen Problemen gegenüber. Stichworte wie “industriefreundliche” Beiträge, versteckte Werbung und mangelnde Qualität der Beiträge sind ja nicht neu und sicher teilweise auch berechtigt. Auf der anderen Seite darf man natürlich einerseits den Respekt vor den Autoren nicht verlieren und man sollte idealerweise offen bzw. namentlich durchlässig bleiben für neue Autoren. Diese bedeuten schliesslich, dass das Projekt an sich weiter lebt. Um aber noch einen weiteren Aspekt zu nennen (der sicher auch nicht wirklich neu ist): Man muss sich fragen, inwieweit diese von mir eingeforderte Offenheit in der sogenannten Wirklichkeit “gebraucht” wird. Wie man immer wieder hört (ich habe dieses Argument allerdings nicht überprüft und frage mich auch, wie man das konkret überprüfen will), schreiben immer weniger Experten einen Großteil des Inhalts der Wikipedia und die große Masse, die vielleicht einen Beitrag geschrieben hat oder zwei ist in der derzeitigen Diskussion diejenige, die am lautesten schreit. Auch dieses Phänomen kennt man aus vielen anderen Bereichen des Lebens. Ich will hier nicht polemisch sein, aber es ist doch tatsächlich oft so, dass es einerseits diejenigen gibt, die alles besser wissen, dann aber nicht mehr da sind, wenn es ans Arbeiten geht und es gibt diejenigen, die sich immer wieder neu einbringen. Letzere schreien meist weniger laut als die Ersteren ;). Aber, wie gesagt, das soll wirklich keine Polemik sein. Eher nenne ich es als “Stichwort” ..

    Uiii, das ist jetzt aber doch schon wieder ein richtiger “Roman” geworden. Das sollten eigentlich wirklich einmal mehr meine zwei Cent sein. ;)

    Und bitte (gerade in Richtung Goldzahn): Ich will wirklich nicht polemiseiren, ich will ersteinmal nur verstehen, worum es inhaltlich wirklich geht und ich werfe Fragen ein, die sich mir stellen. Aktuell scheint mir die ganze Diskussion ungut emotional aufgeladen. Emotionen und Zielgerichtetheit stehen sich meiner Erfahrung nach allzu oft im Wege ;) ..

  6. jfenn schreibt:

    Das eigentliche Problem der Wikipedia scheint mir eher zu sein, daß es keine “Experten” sind, die dort schreiben. Alle meine Versuche, “Experten” dazu zu bringen, ihr Wissen dort einzubringen, sind gescheitert. Im Chat erfuhr ich immer wieder, daß gerade Fachfremde dort gerne schreiben, zum Beispiel über historische und juristische Themen. Die juristischen Artikel lesen sich dann auch genau so. Wenn man sie überarbeiten wollte, wüßte man gar nicht, wo man damit anfangen sollte … Ähnliches hört man aus der Physik oder aus anderen Fächern.

    Wenn die Zahl der Autoren und Admins hinter der Zahl der Nutzer zurückbleibt, so ist das aus meiner Sicht eine eher unspektakuläre Entwicklung. Am Mitmach-Web hat eigentlich keiner so richtig Interesse, die meisten wollen konsumieren, wollen nichts weitergeben, wollen auch nicht lernen, wie man “richtig” mitmacht und gehen dann, wenn sie korrigiert werden, schnell weiter. Die Frustrationstoleranz ist sehr gering ausgeprägt. Das hat aber nichts mit der Gestaltung von GUIs etc. zu tun, wie nun die Nerds meinen, sondern so läuft es eben …

  7. Markus Sowada schreibt:

    Hmm, wie es scheint, steigen wir jetzt da ein, wo die Diskussion auch steht bzw. hängen bleibt. Namentlich spreche ich von den zu diskutierenden “Thesen” .. ;)

    Experten: Experten sind keine homogene Gruppe. Ich weiss z.B., dass eine überwiegende Vielzahl der Artikel, die man in der Wikipedia dem Gesundheitssektor zurechnen kann (und die demzufolge in das “Fachgebiet” der Ärzte fallen), auch von Ärzten geschrieben werden. Dass Fachleute nicht immer sinnvolles zutage fördern, will ich mal mit der folgenden kleinen Anekdote aus dem privaten Umfeld versuchen zu erklären. Meine Mutter hat Zucker (ich belasse das jetzt mal bei diesem diffusem Begriff, weil er hier ausreichend ist). Als es seinerzeit darum ging, sie auf die richtige Insulinmenge einzustellen, hat mein Vater begonnen, über die gegebenen Mengen und die erzielten Ergebnisse streng Buch geführt und hat als schon immer mathematisch interessierter Mensch eines Tages mithilfe von stochastischen Mitteln meine Mutter perfekt eingestellt. Die Ärzte staunten nur so. Er hat diese “Messreihe” und die angeführte Mathematik auch akurat dokumentiert. Die Unterlagenmappe, die immer dicker wurde, wurde regelmässig mit zu den hochdekorierten und hochspezialisierten Fachärzten genommen. Diese waren nicht in der Lage, aus den Unterlagen, die auf der Hand liegenden Schlussfolgerungen zu ziehen. Zum Lesen, verstehen und Interpretieren der Unterlagen waren aber nun keinesfalls mathematische Kenntnisse nötig. Sie hätten sich einfache Kurvendiagramme angucken können mit bestimmten eineindeutigen Parametern und hätten daraus ebenfalls Schlüsse ziehen können müssen. Das war und ist elementar. Sie waren allesamt überfordert. Ende Geschichte. Mein Fazit: Ein wissenschaftlich ausgebildeter Mensch ist noch nicht zwangsweise jemand, der sein Wissen gut transportieren kann. Ich frage also mal offen, ob einzig sogenannte Fachleute die erste Adresse sind, wenn es um das Verfassen von Fachartikeln geht. Natürlich ist es ideal, das Wissen von Fachleuten, nutzbar zu machen. Dafür müssten sich diese Fachleute vielleicht in kleinen Gruppen mit Leuten zusammnensetzen, die schreiben können. Man sieht: für wirklich sehr hochwertige Ergebnisse braucht es Aufwand. Ebendies ist aber eine Wahrheit, die nicht sonderlich tauglich ist für die breite Masse an Mitmenschen.

    Jetzt bin ich quasi fliessend bei einem anderen Punkt Deines Statements: Aus meiner Sicht muss man realistischerweise genau definieren, was die Grundmenge ist beim sogenannten “Mitmach-Web”. Da gibt es die große Menge an Leuten, die nicht Teil des Mitmach-Web sind, sondern wirklich nur Konsumenten. Daneben gibt es eine überschaubare Menge an Leuten, die mitmachen wollen und die auch wissen, dass Mitmachen nicht in jeder Sekunde vergnügungssteuerpflichtig ist. Bei einem Projekt wie der Wikipedia muss man sich vor allem aber nicht ausschliesslich um diese Leutchen kümmern und bemühen. Diese kleine Gruppe wird schnell zu den Experten in Sachen Mitmach-Web. Sie werden oder sind Gatekeeper (ob sie es wollen oder nicht). Diese Gatekeeper haben in gewissen Sinne Macht, weil sich Normal-User an diesen besonderen Michtmachern ein Besipiel nehmen (können wund oft auch wollen), positiv wie negativ. Nebenbei: Manch einer blickt mit Neid auf diese Mitmach-Experten, weil sie mehr dürfen als ein Normal-User. Was die beobachtenden oft vergessen ist die Mehrarbeit, die zumeist im Stillen geleistet wird.

    Und noch ein Gedanke zur “Frustrationstoleranz”: Diese gibt es ohne jeden Zweifel. Meiner Beobachtung nach wird dabei aber sehr viel über die angeblich oder auch wirklich sehr neidrige Frustatrionstoleranz beim Normal-Volk gesprochen und geschrieben. Es wird zurecht gefordert, dass Anfänger sich auch mal was zeigen und sagen lassen müssen. Das ist aus meiner Sicht elementar (nennen wir diesen Vorgang nicht gemeinhin lernen? ;) ). Ein anderer Aspekt findet im Diskurs beinahe aber gar nicht statt. Ich spreche bzw. schreibe von den allzu schnell eingeschnappten Gatekeepern und Wissenträgern, die darauf bestehen, dass ihr Weg der einzig Wahre ist. Und nocheinmal musst Du eine kleine Anekdote ertragen ;): Ich hatte das Glück, in meinem Studium den wohl besten “Mathelehrer” (ja, ich weiss, wir nennen das Prof.) miterleben zu dürfen, den ich jemals hatte. In einer Vorlesung ging es um eine Beweisführung für ein physikalisches Problem. Er rechnete vorne an seiner Tafel und einer meiner Kommilitonen sprach ihn mitten im Tun an. Er hätte da eine Idee. Mein Prof rief meinen Kumpel nach vorne und lies ihn machen, schaute sich dann das Gezeigte an, vollzog es nach, lies sich erklären, dachte nach und beglückwünschte dann meinen Kumpel zu dessen vortrefflicher Idee, die noch dazu deutlich eleganter wäre als sein Weg. Zurück zu unseren Wissensträgern: Wieviel Profs, Vorgesetzte oder sonstwie vorhandene Gatekeeper kennst Du, die so souverän die Leistung eines anderen, eines Menschen, der eigentlich hierarchisch niedriger steht, anerkennen kann und diesem sogar auch noch das Gefühl gibt, dass er wirklich was tolles gemacht hat? Verkürzt gefragt: Wieivel Prozent der Leute, die wissen beitragen können, haben gleichzeitig die Befähigung bzw. das Talent, auch noch Menschen begeistern und mitnehmen zu können?

    Schwupps. Und schon stehen wir mitten drin im hochkomplexen Sein ;). Es ist an in solchen Momenten deutlich einfacher, sich in Probleme und Missverständnisse zu verheddern als etwas “richtig” zu machen (was ist eigentlich an einer solchen Stelle objektiv richtig?)

    Mein Zwischenfazit (zurück zur Wikipedia/Wikimedia): Michtmach-Web fungiert. Mitmach-Web braucht Menschen, die was zu sagen und zu geben haben und gleichzeitig brauchen alle Beteiligten Gruppen und Personen eine hohe Frustrationstoleranz. Einfach geschrieben, schwer zu leben und zu verwirklichen. Mein Respekt gilt denen, die das oben beschriebene jeden Tag neu versuchen. :))

  8. Pingback: Wikimedia Blog : Fazit der Podiumsdiskussion

  9. Goldzahn schreibt:

    Ich habe mir den stream auch angesehen und es war recht interessant (auch wenn nur die zweite Hälfte in guter Qualität war). Als Wikipedianer leide ich selber an den Problemen dort. Zur Qualitätsdiskussion kann ich sagen, dass es einem persönlich nahe geht, wenn einem die edits oder Artikel gelöscht werden. Passiert mir selber häufig. Insofern geht es den Leuten mit viel Erfahrung nur relativ besser als denen mit weniger Erfahrung. Irgendwie ist Kommunikation mit sehr vielen, meist einem unbekannten Personen, ungewohnt und sehr konfliktträchtig. Ob es dereinst eine Generation Internet geben wird und wie wird die sein? Wikipedia ist imho gar nicht so einzigartig. Früher war ich in politischen Foren aktiv und das war dort sehr ähnlich, allerdings härter.

    Zur Frage wie man die WP besser machen kann, im sozialen Sinn und qualitativ, habe ich natürlich auch Ideen, nur überzeugen konnte ich noch niemand davon und da die WP basisdemokratisch organisiert ist, ist das die entscheidende Hürde. Die Entscheider dort sind nämlich nicht die Administratoren, sondern die Autoren mit mindestens 200 edits. Bei wichtigen Entscheidungen sehe ich immer etwa 200 bis 300 Leute, die einem Vorschlag ein pro oder contra geben.

    Tatsächlich wundere ich mich warum die Wikipedia so einen Erfolg hat. Vielleicht stimmen die Zahlen auch nicht, die man immer wieder lesen kann? Mir scheint es als ob es einen Bedarf an derartigen Informationen gibt und leider hat nie jemand diese Lücke gesehen und geschlossen. Der Brockhaus war keine Alternative. Interessant ist, dass immer mehr online-Zeitungen in letzter Zeit ihre Texte mit Hintergrundinformationen anreichern. Beispielsweise gibt es bei Spiegel.de jetzt Themenseiten. Offensichtlich schließen sich langsam die Lücken und vielleicht braucht es die Wikipedia in 10 Jahren nicht mehr? Lassen wir uns überraschen.

    Gruß, Goldzahn

  10. Pingback: Wikimediarelevanz : Burks' Blog

  11. Markus Sowada schreibt:

    Hallo Goldzahn, Du schreibst in Deinem Kommentar darüber, dass die Administratoren die eigentliche Macht haben. Du sprichst damit über einen Aspekt, den ich »oben« noch gar nicht wirklich angesprochen habe. Ich bin selber nicht soweit involviert, als das ich konkret bewerten könnte, wie die Prozesse innerhalb der WP verlaufen. Wenn es also so ist wie Du sagst und wenn diese Verteilung dazu führt, dass nicht die Besten Autoren das Sagen haben (wie immer man gut definieren möge), sondern diejenigen, die einfach nur lange dabei sind, dann läuft da tatsächlich etwas falsch. Die »Altinternationalen«, wie ich diese Gruppe von Leuten gene nenne, sollten durchaus besondere Rechte haben. Sie sollten aber nicht verhindern können, dass sich ein Projekt entwickelt. Schliesslich sind es nicht selten frische Köpfe, die tolle Ideen haben. Die Erfahrenen wollen bewahren, was durchaus auch seine Berechtigung hat. Eine sinnvolle Mischung wäre erstrebenswert. Ob sich nun die WP halten wird mit all ihrer Bedeutung, die sie derzeit (noch) geniesst, wird die Zukunft zeigen. Auf Dauer werden sich falsche Entscheidungen in einem Bedeutungsverlust niederschlagen.

    Ohnedies kann man sich fragen, ob ein zentrales lexikonartiges Projekt überhaupt noch zeitgemäss ist. Suchalgorithmen werden immer besser. Allerdings ist Googlen nicht alles. Da wartet eine noch viel größere Vielfalt auf uns. Wir müssen uns nur die Arbeit machen, diese auch zu entdecken .. ;)

    Erlaube mir am Ende noch eine private Bemerkung: Lass Dich nicht ärgern von den Betonköpfen, die es bei der WP gibt und auch anderswo. Man liest sich (hoffentlich) :) ..

  12. Goldzahn schreibt:

    @ Markus Sowada
    Netter Verschreiber von dir. Administratoren führen aus was Leute mit 200+ edits entscheiden. 200 edits ist nicht viel, das hat man in einem Monat drauf. Im übrigen kann jeder ein Meinungsbild starten (Wikipedia:Meinungsbilder) und eine Abstimmung verlangen. Das muß nur jemand anfertigen, dazu muß man keine 200 edits haben. Das heißt, tatsächlich ist die Wikipedia von ihrer Struktur her sehr liberal und zuletzt wurde so die Möglichkeit einer Wiederwahl von Admins auf Antrag durchgesetzt. Ich selber habe von der Abstimmung gar nichts mitbekommen, ist halt alles nur eine Frage des Engagements. Und da ist wohl auch der Grund zu finden, warum die Regeln so sind wie sie sind. Nur wer sich engagiert, bestimmt faktisch mit.

    Das soll es von meiner Seite aus gewesen sein, das hier ist ja schließlich kein Wikipedia-blog. Meinen Dank an jfenn und M. Sowada.
    MfG Goldzahn

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