Sich informieren III

In den beiden letzten Wochen habe ich Nachrichten-Websites im Vergleich zu E-Papers getestet. Ich las über die ungeliebte Onleihe FAZ und taz im DRM-geschützten PDF-Format und verglich den dabei gewonnenen Eindruck von den Nachrichten mit dem, was ich über die Websites der Verlage zu lesen bekam.

Die gedruckten Ausgaben zeigen eine andere Gewichtung und vor allem eine andere Plazierung der Meldungen als die Websites. Man darf annehmen, daß auf der Website landet, was Klicks bringt. Je attraktiver für die Online-Leser, desto höher wird es auf der Seite angeordnet. Manchmal fallen Beiträge online auch ganz weg. Oberflächliche und kurzlebige Themen rangieren eher oben, Hintergründiges eher niedriger. So gehen online viele interessante und wichtige Inhalte unter, die in der gedruckten Ausgabe ins Auge fallen und die ich dort auch lese. Sie fehlen mir umgekehrt auf der Website – aber natürlich nur, wenn und weil ich weiß, daß es sie in Print gab. Online sind sie kaum auffindbar. Darunter zum Beispiel auch ein Beitrag über Änderungen beim Markt für bargeldlose Zahlungssysteme an Supermarktkassen, der demnächst dazu führen wird, daß Discounter auch Kreditkarten zulassen könnten, zulasten der Banken und Sparkassen, die diesen Bereich derzeit mit der ec-Karte besetzt haben. Das halte ich nicht für nebensächlich. Umgekehrt brachte die taz heute in Print eine ganze Seite zur Abstimmung des Europaparlaments zu Regelungen, die zukünftig die Netzneutralität in Europa betreffen werden, während auf der Website dazu nur ein Interview und ein sehr knapp gehaltener Beitrag zu finden ist, dem man nichts Näheres entnehmen kann.

Interessant ist auch der typographische Aspekt: Die gesetzten E-Papers sind durchweg leichter lesbar als die Darstellung im Webbrowser. Man merkt es vor allem bei längeren Texten, gestern etwa ein Beitrag zum EU-Wettbewerbsverfahren gegen Google, der eine ganze Seite im FAZ-Feuilleton füllte. Las ich flüssig in der gesetzten Version auf dem Bildschirm. So lange Texte ziehen sich endlos und ermüden das Auge schnell, wenn sie im Webbrowser dargestellt werden, weil dort die Zeilen zu lang sind und die Schriftarten keine angenehme Lektüre erlauben. Wichtig ist aus technischer Sicht – natürlich – ein leicht zu bedienendes Interface zum Scrollen im Adobe Reader, denn die gesetzte Schrift muß in aller Regel größer gezoomt werden, so daß man immer nur einen Ausschnitt des PDFs auf dem Schirm hat. Hier leistet das Trackpad des Mac gute Dienste – bei häufiger Nutzung ein Killerargument gegen andere Systeme.

Fazit: Online ist bei der Journaille weiterhin kein Ersatz für Print, sondern eher die billige Nebenbei-Version, die das Haus anbietet, bis die nächste gedruckte erscheint. Print lebt. Dafür sorgen die Verlage selbst, nicht erst morgen, sondern heute schon. Immer nur ein Teil der Meldungen und Beiträge landet überhaupt frei im Internet. Auch im Perlentaucher und in der Presseschau der Legal Tribune Online nehmen Hinweise auf Offline-Texte zu. Gerade aus dem Kulturbereich wird nur eine geringe Zahl an Texten online frei zur Verfügung gestellt. Aus dem Blick geraten dadurch ganz sicher nicht die besonders werbewirksamen Beiträge, die gab und gibt es auch weiterhin (also wenn die Galionsfiguren des Chaos Computer Clubs bei Frank Schirrmacher bloggen), sondern eher die tiefergründigen und grundsätzlicheren Texte. Substanz wird also gerne und, wie mir scheint, zunehmend offline unter Verschluß gehalten. Wenn es heißt, die großen Verlage würden an Paywalls basteln, so ist dem entgegenzuhalten, daß es diese schon längst gibt. Was einigermaßen gehaltvoll ist, landet entweder gar nicht oder nur mir erheblicher Verspätung im Netz oder man muß danach suchen wie nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen. Dagegen hilft dann auch weder eine Suchmaschine noch ein gut gepflegter Feedreader, sondern nur noch – die Bibliothek.

Interessant wäre eine Presseschau, die gezielt solche Inhalte, die uns die Verlage auf ihren Websites vorenthalten, befreit, zusammenfaßt und damit allgemein zur Verfügung stellt. Eine Offline-Presseschau, die das alles ans Licht der Welt bringt. Eine echte Nische täte sich hier auf. Damit das nicht untergeht.

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Seite 12 unten rechts

Es gibt Meldungen, bei denen man merkt, daß man alt wird. Nicht „älter“, sondern alt. Jonathan Schell ist gestorben. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich in den 1980er Jahren sein Buch „Das Schicksal der Erde“ gelesen habe. Es stand noch lange in meinem Regal; bis zu meiner großen Zeitenwende Ende der 1990er Jahre, als es nicht mitging auf die große Reise. Bertelsmann-Ausgabe. Ein himmelblauer Umschlag mit einem großen schwarzen Punkt darauf, schräg nach oben gezogen der Titel. In dem Buch ging es um Atomrüstung und Atomkrieg. Und die Friedensbewegung gab es damals auch. Große Demonstrationen, also wirklich große. Nicht nur virtuell im Internet, sondern richtig, auf der Bonner Hofgartenwiese war die größte. Und wir waren sehr politisch, natürlich wählte ich grün, was sonst? Die Welt war geteilt in links und rechts, in Ost und West, oben und unten, arm und reich. Ost und West war eine Weile lang nicht mehr im Angebot, ist jetzt aber wieder aktuell geworden. Arm und Reich gibts immer noch; dafür haben sie gesorgt, nicht nur die Rechten. Die FAZ erinnert in ihrer Mittwochausgabe daran, daß Kurt Biedenkopf damals den Klappentext zu dem Buch von Schell schrieb. Piper-Verlag. Von Biedenkopf hat man ja – sehr zu Recht – auch schon lange nichts mehr gehört. Namen, mit denen damals die Zeitungen gefüllt wurden, die immer wieder in den Nachrichten genannt wurden, so daß sie nachklingen, jahrzehntelang. Waren die wichtig? Und heute: Eine Randnotiz im Feuilleton auf Seite 12 unten rechts.

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Die Schrift wird zum Leben

Das Blog ist kein bloßes Tagebuch, denke ich beim Blättern in Sloterdijks „Zeilen und Tage“. Mit dem Tagebuch teilt es die Kurzlebigkeit: Wer greift schon auf ein Blog über den Kalender zu und sucht Beiträge aus einem bestimmten Monat vor x Jahren heraus? Man kann das machen, aber wer macht es? Und doch: Sloterdijk war auf seine Weise ein Blogger, wie auch Max Frisch in seinen Tagebüchern gebloggt hatte. Irgendwie, ja. Und früher schon Tucholsky, natürlich. Und Kafka? Kafka auch? – Beckett? Eher weniger. Aber Arno Schmidt – ganz sicher. Und Heine. Aber das Schreiben im Netz? Man schreibt am Ende nur für sich. Wer es liest, wenn überhaupt, kann dahingestellt bleiben. Ist nicht notwendig. Man schreibt Notizbücher voll und Blogs und Wikis, und dieser Strom aus Notaten und Gesängen und Empörung und Leiden und Hoffnung füllt am Ende die Welt. Die des Autors und die des Lesers, erst ein bißchen und dann immer mehr. Sie wird zur Wirklichkeit, und die Wirklichkeit wird zum Leben. Die Schrift wird zum Leben. Und das Leben wird wirklich durch das Schreiben. Auch durch das Bloggen.

Zuerst in: albatros | texte am 26. März 2014.

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Sich informieren II

In loser Folge stelle ich in dieser Reihe von Blogposts Möglichkeiten vor, sich etwas kompetenter zu informieren, als es über die üblichen Massenmedien oder Nachschlagewerke möglich ist. Gesucht sind Alternativen zum journalistischen Mainstream.

Nicht unterschätzen sollte man die Newsletter, die man immer noch vielerorts abonnieren kann. Newsletter haben den Vorteil, daß sie archivierbar sind. Das unterscheidet sie etwa von RSS-Feeds. Man kann sie auch nach langer Zeit noch im eigenen Mail-Archiv im Volltext durchsuchen, ohne auf den Index einer Suchmaschine zurückgreifen zu müssen. So entsteht im Laufe der Zeit ohne eigenes Zutun ein eigenes Nachrichtenarchiv samt Weblinks das dauerhaft zur Verfügung steht.

Ein Beispiel für insoweit interessante Newsletter ist LabourNet Germany – er erscheint dreimal wöchentlich und verlinkt auf relevante politische Beiträge auf vielen Plattformen im Netz. Der Schwerpunkt liegt auf der Sozialpolitik. Auch weniger bekannte Quellen, die selten zu findende Standpunkte einnehmen, werden einbezogen.

Eine etwas andere Art der Auslandsberichterstattung bieten die Reisehinweise und Reisewarnungen der Außenministerien – mit durchaus unterschiedlichem Inhalt, je nachdem, wessen Hinweise man verfolgt. Alle bieten auch ein E-Mail-Abo für Updates an. So entsteht im Laufe der Zeit eine eigene Art von „Länderlexikon“, in dem die Gepflogenheiten in oft bereisten Ländern aus der Sicht der jeweiligen Regierungen geschildert werden. Die britische Regierung ist besonders mitteilungsfreudig, hier werden mitunter mehrere Hinweise am selben Tag versandt; es empfiehlt sich, im persönlichen Account ein wöchentliches Update einzustellen. Außerdem werden hier Länder abgedeckt, für die sich deutsche Reisende meist kaum interessieren.

Manchmal kommt das Ausland ins Inland, wodurch die üblichen Maßstäbe zurechtgerückt werden. Über menschliche Schicksale und den politischen Umgang damit berichtet der Fachpolitische Newsletter von ProAsyl. Aktuelle Probleme aus dem Ausländerrecht, die derzeitige diesbezügliche Praxis in Deutschland und in anderen Ländern, neue Urteile und Stellungnahmen, aktuelle Nachrichten gibt es monatlich per E-Mail sowie im Archiv zum Nachlesen. Sehr, sehr empfehlenswert. Punkt.

Die Reihe wird fortgesetzt.

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„Emil Nolde im Nationalsozialismus“ im Städel Museum, Frankfurt am Main

„Einlaß um 18.30 Uhr!“ – Freundliches Bitten half nichts. Die Security war vielleicht etwas genervt am ersten wirklich warmen Frühlingstag in diesem Jahr und ließ uns noch ein bißchen warten, bevor wir dann um 18.37 Uhr eintreten durften.

Das Städel Museum hatte am 20. März 2014 zu einer Diskussion über „Emil Nolde im Nationalsozialismus“ eingeladen, moderiert von Florian Schwinn (hr2-kultur; siehe auch die Sendung Der Tag vom 21. März 2014 zum gleichen Thema).

Bernhard Fulda von der Universität Cambridge erstellt zurzeit gemeinsam mit seiner Frau Aya Soika im Auftrag der Emil-Nolde-Stiftung Seebüll eine „größere Studie zu Emil Nolde und dem Nationalsozialismus“ und berichtete über den aktuellen Stand seiner Forschung. Die Briefe Emil Noldes und seiner Frau Ada, die bisher gesichtet worden seien, dokumentieren die nationalsozialistische Einstellung der Noldes, die auch durch die Zurückweisung durch das Regime unverändert geblieben war. Trotzdem wurde Nolde nach dem Krieg als Widerständler dargestellt, was völlig neben der Sache lag. Das Einkommen der Noldes bewegte sich während des Dritten Reichs durchweg auf hohem Niveau. Sie hätten ganz sicherlich „zum oberen einen Prozent der bestbezahlten Künstler“ in Deutschland gehört. Auch während des Kriegs hätten sie weiterhin hohe Miet- und Pachteinnahmen erzielt. Das nach dem Krieg so genannte „Malverbot“ habe zu keiner Zeit gegriffen. Auch nach dem Ausspruch des Berufsverbots habe er weiterhin gemalt und auch Bilder in Öl übertragen und verkauft. Seine Autobiographie habe er nachträglich frisiert, und auch die von der Nolde-Stiftung herausgegebenen Schriften wurden geschönt, um ein opportunes Bild des Künstlers erscheinen zu lassen.

In der folgenden Diskussion beschäftigten sich neben Fulda der Kurator der derzeit im Städel gezeigten Nolde-Retrospektive Felix Krämer und der Kulturredakteur Stefan Koldehoff vom Deutschlandfunk mit der Frage, wie es zu alledem kommen konnte. „Warum eigentlich dieser Nolde“ als Maler der neu gegründeten Bundesrepublik, mit dem sich bis heute auch Politiker schmücken? Der Erfolg gehe zumindest auch darauf zurück, daß seine „verträglichen Bilder“ von Blumen und Landschaften den Sehgewohnheiten des 19. Jahrhunderts entsprächen, daß sie „leicht konsumierbar“ und „wahnsinnig ästhetisch“ seien, meinte Krämer. Dem alten Mann Nolde, der 1947 achtzig Jahre alt geworden war, habe man nichts Schlechtes mehr nachsagen wollen. Hanns Theodor Flemming habe ihn, so Fulda, schon 1946 in dem Bericht über seinen „Besuch bei Nolde“ verklärt, als jemand, der in einem kleinen, abgelegenen Zimmer seine „ungemalten Bilder“ gemalt habe – verfolgt, verfemt, ein Opfer. Interessant auch Krämers Hinweis auf die bis heute kaum erfolgte Auseinandersetzung mit der NS-Kunst. Noldes Malstil sei in seiner Zeit nicht so gewagt gewesen, wie es heute erscheint. Es wäre durchaus im Rahmen des Möglichen gewesen, daß sich seine Richtung durchgesetzt hätte und heute als die präferierte Malerei der Nazis gesehen werden müßte. Letztlich, so Koldehoff, sei zu fragen, wem der Hype um Nolde nach dem Krieg genützt habe? Mythen habe es in der Kunst immer wieder gegeben. Wessen Sammlung aber habe von alledem am meisten profitiert, wer sei der größte Nutznießer gewesen, cui bono?

Obwohl vieles von dem, worum es an diesem Abend ging, schon bekannt war: Das Narrativ zu Nolde ist an einem Wendepunkt angekommen, das neue Bild, das sich abzeichnet, entsteht aber erst, es ist noch nicht vollständig entwickelt. Es wird noch mehrere Jahre dauern, bis die Korrespondenz der Noldes gesichtet und ihre Netzwerke soweit wie möglich rekonstruiert sein werden. Die Studien hierzu sind noch ziemlich am Anfang. Unter diesen Umständen war meine Kritik, die Ansätze aus den neueren Arbeiten hätten schon in der aktuellen Frankfurter Nolde-Retrospektive vorgestellt werden sollen, wohl doch verfrüht. Zuviel ist derzeit noch unfertig. Wahrscheinlich war es doch die intelligentere Lösung, das Werk Noldes möglichst vollständig und neutral zu präsentieren und die Aufklärung um die neuen Ansätze seiner Rezeption in das Begleitprogramm zu verlegen. Und dazu einzuladen, sich angesichts dessen selbst ein (neues?) Bild von Noldes Werk zu machen.

Für den 3. April wurde die nächste Veranstaltung in der Reihe des Städel Museums angekündigt. Indina Woesthoff spricht zum Thema „Emil Nolde und Die Brücke“.

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