Sich informieren IV

Der Nachruf ist eine hierzulande viel zu wenig beachtete literarische Gattung. Beim Tod des FAZ-Herausgebers Schirrmacher konnte man gerade wieder sehen, was dabei herauskommen kann. Der Tag auf hr2-kultur sprach darüber mit Jochen Hörisch, und auch er fand das zumeist hochpeinlich, blieb dabei aber nicht stehen. Der Sendung verdanke ich den Hinweis auf die Nachrufe im Guardian, die wirklich lesenswert sind. Häufig werden dort hierzulande weniger bekannte Personen beschrieben. Das gleiche gilt übrigens für die Nachrufe in Le Monde und in El País und in der New York Times. Kleine abgeschlossene Lebensgeschichten, die – anhand der Massenmedien – zeigen, wie relativ die Bedeutung ist, die dort Biographien beigemessen wird. Die Welt ist voller Nachrufe. Am Ende bleibt die Erinnerung und wird zur Geschichte. Lauter kleinere und größere Übergänge. Man kann sie im Feedreader mitlesen und sollte das auch tun. Ein fast tägliches memento mori.

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Der Igel

Der Igel fiel mir auf, als ich die Straße entlang ging. Erst lief er unter das geparkte dunkle Auto, dann aber weiter, darunter hindurch und quer über den Fußweg, direkt auf das niedrige Tor zu. Als ich mich immer mehr näherte, nahm er kurz Maß und lief dann mit voller Geschwindigkeit zu dem Tor, machte sich so schlank es ging und schlüpfte unter dem Tor hindurch, von mir weg. Das dürfte ihm nicht leicht gefallen sein, er kam gerade noch so hindurch und brachte sich vor mir, dem gefährlichen Menschen, in Sicherheit in Richtung Rasen und dann hinüber zur Hecke, unter der er kurz darauf wieder verschwand.

Zuerst in: albatros|texte, 19. Juni 2014

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Durch das Grau hindurch

„Der Morgen graut“: Dunkelmattes Grün. Bäume vor blauweißem Himmel, und die Vögel zwitschern genauso laut wie die A3. Kraftlose Farben – und ein Buch, fast ausgelesen am Ende der Nacht – als wolle die Natur die Sinne schonen mit der spärlichen Kraft. Oder als arbeite sich die Farbe erst noch durch das Grau hindurch oder hervor, immer mehr, immer heller, bis die Sonne zu sehen ist, die dann immer wärmer strahlt, bis das Grau fast ganz weg geht und die Farben die Welt zurück erobert haben. Und das Leben.

Zuerst in albatros|texte am 10. Juni 2014.

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Fahren, um zu lesen

Corey Robin fährt U-Bahn, um lesen zu können: „Here’s how I do it. After I drop off my daughter at school or summer camp, I jump on the subway. I ride the rails for three to four hours … I take nothing with me but my book and a pen. I take notes on the front and back pages of the book. If I run out of pages, I carry a little notebook with me. I never get off the train (except, occasionally, to meet my wife for lunch in Manhattan.) I have an ancient phone, so there’s no internet or desire to text, and I’m mostly underground, so there are no phone calls.“ Nun, ich schalte jedenfalls die Telefone aus und beende den E-Mail-Client.

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Nochmals zu Schirrmacher

Nach und nach transportiert mein Feedreader die Nachrufe auf den ehemaligen Herausgeber und Leiter des FAZ-Feuilletons, und da fühlt man sich doch ein bißchen herausgefordert, nach meinen ersten Einschätzungen doch noch einmal nachzulegen und etwas konkreter auszuführen, was mich dazu bringt, gerade im Fall von Frank Schirrmacher einer Legendenbildung entgegenzutreten.

Einmal ganz abgesehen davon, daß bei nicht wenigen Beiträgen, die jetzt erscheinen, wohl auch die Hoffnung auf zukünftige Berateraufträge im Taunuszimmer der Frankfurter Zeitungs-Zentrale Pate gestanden haben dürfte, stellt sich die Frage, was von alledem, was Schirrmacher in den letzten Jahren in seinem Blatt und darüber hinaus inszeniert hat, bleiben wird. Dazu wäre zu klären, was das eigentlich war? Wessen haben wir da eigentlich beigewohnt über all die Jahre?

Während ihm anderenorts eine wirtschaftskritische Einstellung angedichtet worden ist, die letztlich auf die Frankfurter Schule zurückgehe (sic!), kann ich nichts dergleichen erkennen. Eher das Gegenteil, nämlich ein ausgeprägt unternehmerisches Handeln im eigenen Haus und darüber hinaus auch zum eigenen Vorteil als Autor. Denn der Switch hin zu Internet- und Computer-Themen im FAZ-Feuilleton kam zu einem Zeitpunkt, als die alten Abonnenten des Blatts wegstarben. Da ging eine Generation verloren, die treu zu ihrem Blatt gestanden und die sich für die klassischen Themen des deutschen Feuilletons begeistert hatte. Beispielhaft dafür stand die Suhrkamp-Kultur, die ja auch in Frankfurt beheimatet war. Nachdem sie infolge des Tods von Siegfried Unseld und der Berliner Phantasien seiner Witwe weitgehend in die Hauptstadt entschwunden war, war der FAZ ein Alleinstellungsmerkmal abhanden gekommen: Das Feuilleton als Dreh- und Angelpunkt der gesellschaftlichen Debatte in Deutschland. Die Süddeutsche holte massiv auf und überholte die FAZ bei der Auflage. Und die Enkel der Suhrkamp-Generation lasen ihre Nachrichten woanders. Vor allem lasen sie online. Perlentaucher und Nachtkritik statt der muffigen Fraktur vom Main. Sie vermißten aber auch eine kompetente Auseinandersetzung mit der Technik, die ihren Alltag mehr und mehr bestimmte. Und dieses Feld hat Schirrmacher strategisch für die bürgerliche Spielart der Technikkritik in Beschlag genommen. Das war kein Geniestreich und kein Ausweis hellseherischer Fähigkeiten oder einer besonderen Neigung hin zu Netz und Technik und so, sondern ganz schlicht allerkühlstes Marktkalkül. Es war ein Instinkt, den man an der Börse gut hätte gebrauchen können: Kaufen, das Thema war unterbewertet!

Dabei hat Schirrmacher ein Problem kommerziell ausgenutzt, das bis heute ungelöst ist: Das Unbehagen am Internet und an der Digitalisierung und alledem, was da mit dranhängt. Vom Verschwinden bürgerlicher Säulenheiliger wie dem Brockhaus und dessen Ersetzung durch das Laienprojekt Wikipedia bis hin zu den wirtschaftlichen Machtspielen zwischen Google und Springer, die bis in die letzten Monate hinein in seinem Blatt zelebriert wurden, bis hin zum Überwachungsskandal der Geheimdienste. Und natürlich der nachhaltige Verlust von Arbeitsplätzen, die jetzt auch die Mittelschicht erfaßt – und da wird man hellwach in Frankfurt. Jahrelang haben ihm dabei die Ikonen des Chaos Computer Clubs Constanze Kurz, Frank Rieger und Fefe geholfen, was sie wiederum viele Sympathien in der Szene gekostet hat. Völlig zu Recht.

Vor allem aber hat diese ganze Show, die da inszeniert wurde und die sich dann auch in die Talkshows des staatstragenden Teils unsers Rundfunks und am Ende in die Buchhandlungen und darüber wiederum ins Feuilleton ausgebreitet hatte, absolut null zur Lösung des zugrundeliegenden Problems beigetragen: Daß nämlich, wer einigermaßen klar bei Sinnen ist, der ganzen Digitalitis keineswegs unkritisch gegenübertreten kann. Daß die Big Brothers uns zuschauen, überall und bei allem und ohne Unterbrechung. Daß man sich dieser Überwachungsgesellschaft – dem Nachfolger der Risikogesellschaft und der verwalteten Gesellschaft und eine neue Spielart des Überwachens und Strafens – nicht entziehen kann. Wie geht die Gesellschaft damit um? Welche Grenzen sind trotz allem zu ziehen? Wie stellt sich die Soziale Frage unter diesen ja nun nicht mehr ganz so neuen Voraussetzungen? Die damit einhergehenden Fragen werden jetzt von der Rechtsprechung bearbeitet, wenn beispielsweise der Europäische Gerichtshof in der Google-Entscheidung zum „Recht auf Vergessenwerden“ Europa klar von den USA abgrenzt und festklopft, daß Europa seine grundrechtlichen Standards nicht an diejenigen der Amerikaner anpassen wird, sondern daß wir unseren Grundrechtsschutz zumindest hochzuhalten versuchen werden. Diesen Turn hat die FAZ in keiner Weise vorbereitet oder auch nur begleitet – wie denn auch? Was hätten Schirrmachers kulturpessimistische Kronzeugen Nicholas Carr, David Gelernter oder Jaron Lanier dazu denn sagen sollen? Davon verstehen sie gar nichts, genausowenig wie er etwas davon verstand.

Aber was reg ich mich auf. Das ist ja jetzt alles vorbei. Abendlanduntergangsphantasien wird es weiterhin geben, die sind zeitlos und jederzeit ans bürgerliche Publikum verkäuflich. Aber sie bringen uns gesellschaftlich nicht voran, weil sie das gar nicht wollen. Nochmals: Was bleibt, ist das Unbehagen am Internet und an der Digitalisierung und alledem, was da mit dranhängt. Und an der Lösung dieser Fragen muß gearbeitet werden. Schirrmacher hat daran nur verdient, mehr nicht. Und das war schon zu seinen Lebzeiten nicht honorig, sondern im Gegenteil sehr peinlich, wie es ablief, und zwar die ganze Zeit über. Konnte man ja kaum noch mit ansehen.

Was also letztlich bleibt, ist allein die Frage: An wem soll man sich jetzt noch reiben und abarbeiten?

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